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Warum Bewegung vor Krankheit schützt

Man muss nicht zum Marathonläufer werden, um sich Gutes zu tun. Schon ein Plus an Bewegung im Alltag verbessert unsere Gesundheit. Wie jeder und jede unter uns von mehr Aktivität profitieren kann, erklärt der Sport und Präventivmediziner PD Dr. Brian Martin von der Universität Zürich im Interview.

Sind wir ein Volk von Bewegungsmuffeln?
PD Dr. Brian Martin: Wir müssen dies differenziert betrachten: Die Bewegung im Alltag hat bestimmt abgenommen. Noch vor zwei Generationen legte man alles zu Fuss oder mit dem Velo zurück. In der Freizeit hingegen hat die körperliche Aktivität zugenommen, die Bevölkerung treibt heute vermehrt Sport. Im internationalen Vergleich sind wir Schweizer gar nicht so schlecht: Bezüglich Veloverkehr sind wir Mittelmass, zu Fuss sind wir recht gut unterwegs. 

Das heisst, wenn wir uns nicht aktiv bemühen, bewegen wir uns zu wenig.
Das stimmt, weil uns der Alltag immer weniger dazu zwingt – dank Auto, öffentlichem Verkehr und anderen technischen Hilfsmitteln, die uns von der Körperarbeit befreien.

Bewegungsmangel sei so gesundheitsschädlich, wie Rauchen oder Übergewicht, sagen wissenschaftliche Studien. Ist das nicht übertrieben?

Nein, das sind durchaus vergleichbare gesellschaftliche Gesundheitsrisiken. Wenn man das individuelle Risiko betrachtet, steht das Rauchen zualleroberst, dann kommen Bewegungsmangel, geringer Früchte- und Gemüsekonsum und der übermässige Alkoholkonsum zu etwa gleichen Anteilen.

Was raten Sie «bewegungsfaulen» Menschen?
Einer solchen Person sage ich: Jede Bewegung ist besser als keine Bewegung. Wer bislang wenig gemacht hat und sich nur etwas mehr bewegt, für den ist dies schon ein Gewinn.

Was heisst das konkret, was soll man tun?
Gehen Sie zum Beispiel zu Fuss einkaufen. Oder nehmen Sie die Treppe statt den Lift. Oder gehen Sie nach dem Mittagessen spazieren. Überlegen Sie sich, was zu Ihnen passt. Probieren Sie möglichst viel körperliche Aktivität in Ihre Alltagsroutine einzubinden. Dazu gibt es Mindestempfehlungen: Bewegen Sie sich zweieinhalb Stunden pro Woche so, dass Sie leicht ausser Atem kommen oder eineinviertel Stunden so, dass Sie ins Schwitzen kommen. Wenn Sie diese Faustregel beachten, haben Sie die Hälfte aller möglichen Gesundheitseffekte bereits erreicht. Natürlich können Sie auch mehr machen – umso besser!

Dann hat also schon ein kleines Plus an Bewegung eine Auswirkung auf den Körper?
Das Erfreuliche an mehr Bewegung ist: Man merkt sehr schnell, dass sie einem gut tut. Man fühlt sich wohler und schläft besser. Auch körperliche Veränderungen stellen sich rasch ein: Der Blutdruck senkt sich beispielsweise. Die längerfristigen Gesundheitsrisiken nehmen ab: Das Risiko von Herz-Gefäss-Erkrankungen zum Beispiel sinkt.

Weshalb brauchen wir überhaupt Bewegung?
Wir sind einfach dafür gemacht! Unsere Vorfahren waren Steppenbewohner und mussten immer weit gehen, beim Jagen, Sammeln oder auf der Flucht – im Gegensatz zu den Menschenaffen, die vor allem auf den Bäumen hockten. In unserer Entwicklungsgeschichte wurden wir darauf eingestellt, dass wir uns viel bewegen und gleichzeitig wenig Energie verbrauchen, also mit möglichst wenig Nahrung auskommen. Solche Eigenschaften tragen wir heute noch in unseren Genen.

Das heisst, auch unser Körper reagiert positiv, wenn wir aktiv sind?

Ja, Bewegung verbessert den Zustand der Blutgefässe, vergrössert das Herzschlagvolumen – das Herz muss also weniger oft schlagen – und verändert die Blutgerinnung. Auf der körperlichen Ebene finden wir eine ganze Reihe positiver Veränderungen vor.

Verbessert sich auch das psychische Wohlbefinden?

Dass Sie sich besser fühlen, merken Sie rasch. Man hat darüber hinaus festgestellt, dass Bewegung eine angstlösende Wirkung hat und auch bei leichten Depressionen hilft.

Lohnt sich mehr Bewegung auch dann, wenn ich schon jahrelang nichts mehr getan habe?

Für Bewegung ist es nie zu spät, das ist das Schöne daran. Solange jemand gesund ist, kann er oder sie sofort mit einem leichten Training anfangen. Wer allerdings mit einem Ausdauertraining beginnt, dem empfehlen wir einen vorgängigen Check beim Hausarzt. Dies gilt generell für Männer ab 45 und Frauen ab 55 Jahren. Ein Check empfiehlt sich auch für Personen mit vorbestehenden Risikofaktoren und Erkrankungen.

Und wenn ich etwas gebrechlich bin und mit gesundheitlichen Schwierigkeiten kämpfe, soll ich mich dann nicht besser schonen?
Wenn man gesundheitliche Probleme hat, muss man diese ernst nehmen. Sie können auch ein Grund dafür sein, dass man sich zu wenig bewegt. Daher ist es wichtig, Gesundheitsprobleme zu behandeln mit dem Ziel, dass Bewegung wieder möglich wird. Besprechen Sie mit dem Arzt oder der Ärztin, wie viel Bewegung und welche Bewegungsart für Sie möglich und ungefährlich sind. Aber wirklich schonen muss man sich nur in seltenen Fällen.

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