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Zu viele Fettreserven im Körper

Übergewicht schränkt die Lebensqualität ein. Zudem erhöht es das Risiko für zahlreiche Krankheiten, insbesondere Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Doch wie kommt es zu Übergewicht? Und wie wird man überflüssige Kilos los? Zwei Experten raten zu Geduld und einer professionellen Beratung.

Eigentlich ist es einfach: Wer mehr Kalorien zu sich nimmt, als er oder sie verbraucht, lagert im Körper Fettreserven ein. Doch diese Rechnung allein erklärt lange nicht alles. Weshalb schaffen es gewisse Menschen, ihr Gewicht zu halten, andere hingegen kämpfen ständig mit zu vielen Pfunden? Warum ist es so mühsam abzunehmen und welche Methode hilft wirklich? Ab hier wird es schwierig.

Unsichtbares Fett als Übeltäter
Wie schwierig es wird, hat jeder und jede Übergewichtige am eigenen Leib erfahren. Darunter auch Heinrich von Grünigen, Präsident der Schweizerischen Adipositas-Stiftung (SAPS). In den ärgsten Zeiten wog der heute 79-jährige ehemalige Programmleiter beim Schweizer Radio 180 Kilo. «Jeder Schritt wurde zur Qual», erinnert sich von Grünigen. Beim Verlassen der Wohnung achtete er darauf, keine unnötigen Strecken gehen zu müssen, enge Drehtüren, Flugzeugstühle, Treppen und vieles mehr wurde für ihn zum unüberwindbaren Hindernis.

Dabei war er als Jugendlicher ein magerer Sprenzel. Ein Rauchstopp, die ersten Ehejahre und ein Militärunfall führten dazu, dass er stark zunahm. Es folgte Diät auf Diät, bis sich unter dem Strich immer mehr Gewicht ansammelte. Eine Knieoperation und ein Herzinfarkt waren nur zwei gesundheitliche Folgen seines Körpergewichts.

Besonders gefährlich wird bei Übergewicht, stark ausgeprägt Adipositas genannt, das unsichtbare Fett um die Organe herum, das viszerale Fettgewebe. Es entwickelt eine Eigendynamik, wie Dr. Andreas Melmer von der Universitätsklinik für Diabetologie, Endokrinologie, Ernährungsmedizin und Metabolismus am Inselspital Bern erklärt. Dieses Fett beeinflusst unseren Hormonhaushalt, die Immunabwehr, den Stoffwechsel und fördert Entzündungsprozesse. Diabetes und Herz- Kreislauf-Krankheiten gehören zu den häufigen langfristigen Folgen.

Zu viele Fettreserven
Übergewicht führt zu Beschwerden, wodurch die körperliche Aktivität weiter abnimmt.

Falsche Essgewohnheiten
Wie kommt es zu Übergewicht? Die Gene sind bestimmt daran beteiligt. Man kennt heute etwa fünfzig wichtige Gene, welche die Fetteinlagerung im Körper begünstigen. Doch wie sie zusammenspielen und wer davon betroffen ist, kann die Wissenschaft noch nicht sagen. Daneben gibt es weitere Hypothesen: Möglicherweise trägt die Darmflora zur Gewichtregulation bei, die Energieverbrennung in den Mitochondrien oder die Hitzeproduktion des Körpers. Aber dies sind bislang Beobachtungen, ein ursächlicher Zusammenhang ist nicht nachweisbar.

Hingegen ist sicher, dass die Gesellschaft, unser Lebensstil uns dick werden lässt. In der Schweiz sind rund 40 Prozent der Erwachsenen übergewichtig, davon 10 Prozent sogar schwer. «Belastungssituationen im Alltag sind ein häufiger Grund für eine Gewichtszunahme», sagt Dr. Andreas Melmer, der am Inselspital Adipositas-Beratungen durchführt. Ein stressiger Job, familiäre Probleme, Mobbing oder gar sexuelle Gewalt verstärken das Bedürfnis, sich mit Nahrungsmitteln zu verwöhnen.

Das Essverhalten hat einen Einfluss: Wir essen oft un regelmässig und gönnen uns zwischendurch Snacks, was die Gewichtszunahme fördert. Aber auch die Nahrungsmittelindustrie fördert das Dickwerden: Die fast unbeschränkte Verfügbarkeit stark verarbeiteter Lebensmittel ist ein grosses Problem. Verpackte Fertigprodukte mit vielen Zutaten sind stark chemisch und physikalisch behandelt.

Sie enthalten wenig Wertvolles, dafür oft Zusatzstoffe und eine Menge leerer Kalorien, die schlecht sättigen. Gerade solche Lebensmittel sind handlich und günstig, was sie besonders für Menschen mit wenig Zeit und Geld verführerisch macht. Schliesslich bewegen sich viele unter uns zu wenig. Tagsüber sitzen wir im Büro und am Abend reicht die Zeit nicht mehr für unsere Runde im Wald. So setzt eine Abwärtsspirale ein.

Ein Programm, das weiterhilft
Diäten sind ein gängiger Versuch, das Gewicht zu stabilisieren. Oft mit nur kurzfristigem Erfolg, wie auch von Grünigen immer wieder erfahren musste. Nach einer erfolgreichen Gewichtsreduktion stieg sein Körpergewicht wieder an, manchmal sogar über dasjenige vor der Diät. Denn schnell hatte er das Gefühl, er könne jetzt sein Leben von früher einfach wieder weiterführen. «Vor diesem Fehler warne ich alle Betroffenen», sagt von Grünigen.

Dass Diäten die Ernährungsgewohnheiten oft nur kurzfristig verbessern, bestätigt auch Andreas Melmer. Zudem führen die meisten Diäten zu hormonellen Veränderungen im Körper und können zu einem Verlust der Muskelmasse führen. Dies verstärkt danach die Gefahr einer Gewichtszunahme, der Jojo-Effekt setzt ein.

Die Adipositas-Beratung im Inselspital geht deshalb das Gewichtsproblem individuell und umfassend an. «Die eine Therapie gibt es nicht in der Behandlung des Übergewichts», sagt Melmer. Die Ernährungsberatung ist ein wichtiger Bestandteil. Ernährungsgewohnheiten werden analysiert, neue Lösungen gemeinsam erarbeitet.

Auch die Psychologie spielt eine grosse Rolle: Wann und weshalb esse ich nicht aus Hunger, sondern aus Gluscht? Finde ich meinen Körper okay? Denn ein einseitiges Körperbild kann wiederum Stress auslösen. Schliesslich gilt: Ohne körperliche Aktivität funktioniert die Gewichtsreduktion nicht. Mit einem solchen Programm wird bis zu einem Dutzend Kilo abgespeckt und das Gewicht kann im Idealfall langfristig beibehalten werden.

Die Operation als Möglichkeit
Für gewisse Betroffene, besonders wenn sie schwer übergewichtig sind und bei ihnen weitere Krankheiten bestehen, bietet sich zusätzlich eine sogenannte bariatrische Intervention an. Das bekannte Magenband wird hierzulande nicht mehr eingesetzt. Stattdessen führt man eine Schlauchmagen- oder eine Magen-Bypass-Operation durch.

Diese Operationen reduzieren die Nahrungsaufnahme, Verdauungsleistung und versprechen einen Verlust des übermässigen Körpergewichts von knapp 60 Prozent. Die Ergebnisse seien zwar eindrücklich, sagt Andreas Melmer, man müsse aber wissen, dass eine solche Operation das Leben verändert. Essen, wie man es von früher gewohnt war, ist nicht mehr möglich.

Heinrich von Grünigen hat vieles ausprobiert, für einen chirurgischen Eingriff ist er mittlerweile zu alt. Von seinen heute 120 Kilo will er noch weiter runter und er testet eine neue Ernährungsweise mit Akupunktur kombiniert. Weil es auf dem Gebiet der Gewichtsreduktion viele nutzlose oder gar gefährliche Methoden gibt, rät er Betroffenen ganz klar: «Suchen Sie rasch eine seriöse Beratungsstelle auf.»

Beratung aufsuchen

Viele grosse Spitäler bieten eine Adipositas- Beratung an. Die Schweizerische Adipositas-Stiftung (SAPS) hilft ebenfalls weiter und vermittelt vertrauenswürdige Beratungsstellen. Weitere Informationen auf: www.saps.ch


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