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Plötzlicher Herzinfarkt erschüttert junges Leben

Dass eine junge Frau einen schweren Herzinfarkt bekommen kann, ist nicht allen klar, auch vielen Fachpersonen nicht. Möglicherweise dauerte es deshalb so lange, bis Sybille Widmer eine Notfallbehandlung bekam. Eine Behandlung, die ihr Herz nicht völlig retten konnte.

Wenn Sybille Widmer zu Hause den dunkel­braunen Laminatboden wischt, macht sie schon nach kurzer Zeit eine Verschnauf­pause. Sie gerät völlig ausser Atem. Ähnlich ergeht es ihr, wenn sie ins Zentrum von Amriswil einkaufen geht. Sie muss dann eine kurze Treppe hochsteigen, für die allermeisten ein Kinderspiel. Doch die 43-­Jährige schafft dies nicht mehr ohne Zwischenhalt. Ihr Herz ist zu schwach.

Vor einem Jahr sah die Welt noch ganz anders aus. Die Mutter von drei Kindern hatte zuerst lange im Ver­kauf gearbeitet, dann im Service. Sie kümmerte sich um ihren schwer lungenkranken Vater. Gleichzeitig freute sie sich auf die Motorradprüfung und die Ausflüge, die sie sich vorgenommen hatte. Im letzten Herbst wollte sie ein zweites Mal heiraten. Zusammen mit ihrem Part­ner Marcel stand ein neues Leben, eine neue Zukunft bevor.

Bloss die Bandscheibenprobleme machten ihr einen Strich durch die Rechnung. Die Schmerzen strahl­ten in die Beine ab, später auch in die Arme. Nach einer Stunde auf dem Motorrad tat ihr alles weh. Sie sagte sich, dass es so nicht weitergehen könne, und verein­barte im letzten September einen weiteren Termin beim Hausarzt. Dass der Nackenwirbel an diesem Tag zur Nebensache wurde, konnte sie nicht ahnen.

Beim Arzt fing die Odyssee an
Gleich nach der Untersuchung, noch in der Praxis, be­gannen die höllischen Schmerzen im linken Arm. Ihr wurde übel und schwindlig, kalter Schweiss brach aus. Sybille Widmer musste sich hinsetzen. Sie klagte über Schmerzen in der Brust und im Rücken, man gab ihr Schmerzmittel und machte ein EKG, das nichts Bedrohliches aufzeigte. Marcel Widmer holte sie ab, sie selbst konnte nicht mehr Auto fahren. «Mir ging es echt schlecht», sagt sie. Zu Hause erbrach sie.

War das nun ihr Rücken oder doch etwas anderes? Einen kurzen Augenblick dachte Marcel Widmer an einen Herzinfarkt und wollte den Krankenwagen rufen. «Im Nachhinein war es dumm, dass wir dies nicht getan haben», erinnert er sich. Noch heute muss er darüber nachdenken. Dabei war es bei weitem nicht das Einzige, was an diesem Tag hätte anders laufen sollen. Auch die Neurologin am späteren Morgen kam nicht darauf, dass ein Herzkranzgefäss verschlossen sein könnte.

Von Amriswil ging es dann nach Münsterlingen ins Spital, immer noch wegen der vermeintlichen Rückenschmerzen. Erst dort fiel das Wort Herzinfarkt. Sofort wurde Sybille Widmer in ein Ambulanzfahrzeug geschoben. «Ich war fix und fertig und dachte, dass das nicht ihr Ernst sei», erin­nert sie sich. Sie verstand die Welt nicht mehr, als sie im Herz­Neuro­Zentrum Bodensee in Kreuzlingen am Herzen behandelt wurde.

Eine unsichere Zukunft
Zwei Ärzte, zwei Spitäler und sechs Stunden brauchte es, bis das Gefäss geöffnet wurde und sie zwei Stents erhielt. Sie hatte Glück, dass sie überlebte. Und das Unglück, dass ihre Herzvorderwand einen grossen Schaden erlitt. Es sei ein schwerer Infarkt gewesen, sagten die behandelnden Ärzte. Als sie das Spital verliess, erhielt sie eine Weste mit einem Defibrillator zum Schutz vor einem Herzstillstand. Diese Weste trug sie ununterbrochen, ausser an ihrem Hochzeitstag zwei Wochen später.

Sybille Widmer mit ihrem Ehemann Marcel und ihrer Tochter Svenja.
Sybille Widmer mit ihrem Ehemann Marcel und ihrer Tochter Svenja.

Im November implantierte man ihr einen Herzschrittmacher mit einem eingebauten Defibrillator. Dieses Gerät koordiniert die Arbeit der Herzkammern, man nennt dies auch kardiale Resynchronisationstherapie (CRT). Denn die Pump­funktion von Sybille Widmers Herz beträgt heute noch 28 Prozent, also die Hälfte einer gesunden Person in ihrem Alter. Möglicherweise wird sie irgendwann ein­mal ein neues Herz brauchen, falls sich der Herzmuskel nicht erholt. Von einem Tag auf den anderen ist Sybille Widmer von einer vermeintlich gesunden Person zu einer schwer erkrankten geworden.

Warten auf gute Nachrichten
Verstanden hat sie bis jetzt noch nicht, was das für sie bedeutet, für ihre Arbeit, für ihre private Zukunft. Da­mals im Spital in Kreuzlingen teilte sie ihrer Chefin mit, dass sie in den nächsten Tagen wohl nicht arbeiten komme. Aus diesen paar Tagen sind nun Monate gewor­den und ob sie ihre Arbeit jemals wieder ausüben kann, bleibt ungewiss. Momentan ist sie krankgeschrieben. Für Sybille Widmer ging alles sehr schnell, zu schnell: «Ich bin komplett überfordert mit allem und will eigentlich nur eines, wieder so leben wie früher.»

Auch Marcel Widmer leidet unter den Ereignissen. «Meine Frau ist Anfang 40 und ich sehe, was sie früher konnte und heute noch kann», sagt er. Und dann fährt er mit einer leisen Stimme fort: «Im Prinzip leben wir noch 40 Jahre weiter. Aber wie dies gehen soll, sehe ich momentan beim besten Willen noch nicht.» Immerhin, die letzten Untersuchungen zeigten erfreulich gute Ergebnisse. In drei Monaten stehen die nächsten an und diese bringen hoffentlich auch positive Nachrichten.

Den Herzinfarkt bei Frauen schneller behandeln
Der Herzinfarkt ist eine Männerkrankheit – eine solche Vorstellung geistert noch in vielen Köpfen herum. Dies führt unter anderem dazu, dass Frauen durchschnittlich später behandelt werden, die Komplikationsrate höher ist und sie häufiger am Herzinfarkt sterben als Männer. Frauen hätten zwar von den Fortschritten in der Herz-Kreislauf-Medizin profitiert, aber nicht im gleichen Ausmass wie Männer, sagt die Kardiologin Prof. Catherine Gebhard im Interview (Magazin 1/2019). Damit sich dies ändert, unterstützt die Schweizerische Herzstiftung unter anderem Forschungsprojekte auf diesem Gebiet.

Die diagnostischen Mittel und die Behandlungsmethoden seien immer noch auf den männlichen Körper ausgerichtet und funktionierten dort gut, bei Frauen bestünde Nach holbedarf, so Gebhard. Hinzu kommt, dass Betroffene selbst zu spät oder gar nicht an einen Herzinfarkt denken. Denn der Herzinfarkt macht sich bei Frauen nicht immer als heftiger, klemmender Druck oder brennender Schmerz in der Brust bemerkbar. Die Symptome können unspezifischer sein und sich als Atemnot, unerklärliche Übelkeit und Erbrechen, Druck im Rücken oder Bauch äussern.

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Auf einmal ist er da - der Herzinfarkt. Doch wie kommt es überhaupt dazu? Wen betrifft es, wie kann man ihm vorbeugen und wie geht man mit der Angst vor einem weiteren Infarkt um? Im Podcast «Herzfrequenz» der Schweizerischen Herzstiftung suchen wir mit Betroffenen und Fachpersonen nach Antworten.

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Herzinfarkt und koronare Herzkrankheit

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Ein Herzinfarkt ist ein einschneidendes Erlebnis – für Betroffene wie auch für Angehörige. Ein Herzinfarkt hinterlässt viele Fragen und führt zu Verunsicherungen. Die Broschüre erklärt, wie es zum Herzinfarkt kommt, was bei einem Herzinfarkt geschieht, wie ihn die Herzmedizin behandelt, wie es in den Tagen und Wochen nach dem Herzinfarkt weitergeht und wie man mit einem herzgesunden Lebensstil einen weiteren Herzinfarkt verhindern kann. 

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