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Zwei geflickte Herzen

Die Herzen von Verena Styger und Ivone-Pietro Musso teilen ein gemeinsames Schicksal. Dies mussten sie gleich doppelt erfahren. Das erste Mal beim Schwimmen im Rhein, das zweite Mal auf der Intensivstation des Zürcher Triemlispitals.

Als Verena Styger vor über 30 Jahren im Rhein badete, begegnete sie per Zufall einem freundlichen Menschen. Das war ihr Glück. Denn ein paar Jahre zuvor war ihr Ehemann unerwartet verstorben, die beiden Kinder, eine Tochter und einen Sohn, zog sie allein auf. Dass ihre Herzen für einander schlugen, wurde schnell klar. Und so beschlossen sie, ihr Leben zukünftig gemeinsam zu verbringen. 

Ebenfalls klar war, dass sie zusammen in einem Haus leben wollten. In Schaffhausen baute ihr Partner Ivone-Pietro Musso, der dort seit Jahrzenten als Bauführer arbeitete, das Haus nach eigenen Plänen. Sie rührte den Mörtel, er mauerte die Ziegelsteine. «Ein Haus ist ein Haus», sagte sich Verena Styger, «da läuft man rings herum und ist sein eigener Chef.» Endlich war es da, ihr Leben nach eigenen Wünschen, und nichts konnte es mehr erschüttern.

Zwei Herzen, ein gemeinsames Schicksal
Zwei Herzen, ein gemeinsames Schicksal: Ivone-Pietro Musso und Verena Styger.

Nur eine Panikattacke?
Kurz vor Weihnachten vor acht Jahren kam plötzlich alles anders. Die damals 72-Jährige fuhr zu ihrer Tochter ins Glarnerland, um sie im Haushalt zu unterstützen. Ihr wurde schlecht, sie fühlte sich unwohl in der Magengegend, den Zustand kann sie heute noch nicht genau beschreiben. Weil sie gelegentlich unter Panikattacken litt, nahm sie eine kleine Tablette. Doch sie wirkte nicht.

Ihre Tochter Johanna war beunruhigt. Ein paar Tage zuvor hatte sie im Fernsehen eine Sendung über den Herzinfarkt gesehen. Und erfahren, dass Frauen diesen anders erleben als Männer. Es muss nicht unbedingt ein heftiger Druck oder Schmerz in der Brust vorliegen. Bei Frauen können auch Übelkeit, Bauchschmerzen, Atemnot und Rückenschmerzen auf einen Herzinfarkt hinweisen. «Wir gehen sofort zum Arzt», sagte Johanna. Die Mutter gab widerwillig nach. «Wenn du meinst», sagte sie. Sie war nicht eine, die bei Beschwerden gleich zum Doktor rennt.

Der Arzt schlug schon nach einer kurzen Untersuchung die Hände über dem Kopf zusammen. Du verreckte Chaib, das ist ein Herzinfarkt, soll er gesagt haben, daran erinnert sie sich noch heute. Die Ambulanz fuhr sie sofort ins Stadtspital Triemli nach Zürich, wo das Team schon bereitstand. Was nach der ersten Spritze – es brennt ein wenig, Frau Styger! – geschah, weiss sie nicht mehr.

Ivone- Pietro Musso stand kurz darauf in der Intensivstation mit ein paar Tränen in den Augen. Später löffelte er ihr die erste Suppe, die sie nach dem Eingriff, einer nicht ganz einfachen Stentimplantation, essen durfte. Sie wollte unbedingt wieder nach Hause, Weihnachten bei der Familie verbringen. Der Kardiologe schüttelte den Kopf. Sie hatte den Ernst der Lage noch nicht ganz begriffen.

Nur die Novemberkälte?
Während der Feiertage wurde ihr klar, was sie durchgemacht hatte. Und dass ihr Leben so nicht mehr weitergehen wird. Im neuen Jahr versuchte sie die Therapeutin der ambulanten Reha in Schaffhausen, vom Mitmachen in einer Herzgruppe zu überzeugen. Verena Styger sträubte sich vorerst dagegen. Doch das Training in der Herzgruppe gefiel ihr auf Anhieb und die Gesundheitswerte verbesserten sich rasch. Ivone- Pietro fuhr sie von nun an einmal wöchentlich zum Gymnastikraum.

Vier Jahre später fühlte sich Ivone-Pietro Musso nicht wohl. Obwohl er recht fit war, hatte er beim Holzen im Garten plötzlich Mühe. Er schwitzte stark, spürte eine Enge auf der Brust und rang nach Luft. Zunächst schenkte er dem nicht viel Beachtung, wahrscheinlich ist es die Novemberkälte, sagte er sich. Doch seine Partnerin sah dies anders und schickte ihn zum Arzt.

Ein paar Tage später lag er zur Untersuchung seiner Herzkranzgefässe im Stadtspital Triemli, im gleichen Herzkatheterlabor wie Verena Styger fünf Jahre zuvor. Die Angiographie musste nach zehn Minuten abgebrochen werden. «Wir können hier leider nichts mehr machen», sagte der Kardiologe und verschwand für einen Moment. Ivone-Pietro Musso beunruhigte dies so stark, dass er kurz das Bewusstsein verlor.

Doppelpack für die Herztherapeutin
Das Ärzte-Team erklärte ihm, dass eine Bypass-Operation nötig sei und zwar möglichst schnell. Er blieb im Spital. Ein paar Tage später erhielt er in einer fast vierstündigen Operation drei Überbrückungen der verengten Gefässe. Dazu hatten sie ihm eine Vene aus den Beinen entfernt. Ein Ende der Vene wird in die Hauptschlagader eingenäht und mit einem oder mehreren Ästen der betroffenen Herzkranzarterien verbunden. Schon seine Beinarterien waren sehr stark angegriffen, wahrscheinlich eine familiäre Vorbelastung. Dass die Operation reibungslos ablief, erfüllt ihn heute noch mit Dankbarkeit. Auch sein Leben darf weitergehen.

Nach der stationären Reha im thurgauischen Mammern ging Ivone-Pietro Musso in Schaffhausen zur Herztherapeutin, die er vom Herzgruppentraining seiner Partnerin Verena kannte. «Ich möchte auch in die Herzgruppe», sagte er. Schon nach der ersten Stunde fühlte er sich dort gut aufgehoben, auch weil in der Gruppe alle gleich sind, ob Architekt, Jurist oder Büezer.

Von da an fuhren er und seine Partnerin zusammen wöchentlich ins Krafttraining und in die Herzgruppe. Und so teilen sie seit vier Jahren ein weiteres Schicksal: Sie haben beide ein repariertes Herz in der Brust, das dank rascher Behandlung und guter Pflege noch immer kräftig schlägt.


Erfahren Sie mehr

Informationen über Aktivitäten in der Herzgruppe oder eine Herzgruppe in Ihrer Nähe finden Sie auf unserer Website www.swissheartgroups.ch

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