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Die Herzklappe, die durch den Körper reist

Was vor wenigen Jahren noch undenkbar war, ist heute Alltag: Immer häufiger werden Herzklappen ohne Operation eingesetzt. Wie die neue Aortenklappe über ein kleines Loch in der Leiste zum Herzen gelangt, haben wir uns im Universitätsspital Basel angeschaut.

Noch ist der Saal gleissend hell. Die Radiologie-Fachpersonen sind emsig am Auspacken, Aufstellen, Sortieren und Zurechtlegen. Zwei Narkoseärzte werden den Eingriff heute Morgen ebenfalls begleiten. «Die Vorbereitung ist die grösste Arbeit», sagt die Narkoseärztin, während sie einen Apparat überprüft, «dies geht manchmal etwas vergessen.» Läuft heute alles reibungslos ab, verlässt noch vor dem Mittagessen ein Mann diesen Raum mit einer neuen Herzklappe.

Das Herzkatheterlabor des Universitätsspitals Basel ist kein heimeliger Ort. Er ist vollgestopft mit technischen Geräten, es blinkt und piepst, Unmengen von Schläuchen und Kabeln liegen herum. In der Mitte steht der schmale Patiententisch, darunter befindet sich die Röntgenanlage, oben der verstellbare Bildempfänger, der aussieht wie ein überdimensionierter Stempel. Auffallend sind die riesigen Bildschirme. Auf diese werden sich später die Augen der Kardiologen richten, denn sie liefern ihnen die wichtigsten Informationen für den kniffligen Katheter-Eingriff.

Herzklappeneingriff
Wo sie eine neue Herzklappe einsetzen müssen, sieht Prof. Christoph Kaiser auf dem Bildschirm.

Blutgefässe als Zugänge
Unterdessen kommt der Patient auf einem Spitalbett hereingerollt. Wir nennen ihn Jean Weber, er ist 65 Jahre alt und hat eine stark verkalkte Aortenklappe – eine sogenannte Aortenklappenstenose. Das bedeutet, die Öffnung der Klappe ist so eng, dass nur noch wenig Blut vom Herzen in den Körper gelangt.

Selbst bei geringer körperlicher Anstrengung gerät Jean Weber in Atemnot. Ausserdem muss sein Herz zu stark pumpen, wodurch es in Mitleidenschaft gezogen wird und eine Herzinsuffizienz droht. Ohne eine neue Klappe hat er eine Lebenserwartung von wenigen Jahren. Er wird nun vom Bett auf den Tisch gehoben und für den Eingriff vorbereitet. Eine zentrale Rolle spielen Jean Webers Blutgefässe. Sie dienen den Kardiologen später als Zugänge, sind also die Kanäle, über welche Kabel, Herzschrittmacher, Kontrastmittel und schliesslich die neue Herzklappe zum Herzen geführt werden.

Anderthalb Stunden sind vergangen, die eigentliche Implantation beginnt. Die Professoren Raban Jeger und Christoph Kaiser, welche die invasive Kardiologie am Universitätsspital Basel leiten, ziehen im Vorraum ihre schweren Bleimäntel an, streifen Hauben und Mundschutz über. «So, gehen wir rein», sagt Jeger, der in seine Handschuhe schlüpft, bevor er auf den Tisch zusteuert. Von Jean Weber ist inzwischen nicht mehr viel zu sehen, er steckt unter einer hellblauen Zellstoffdecke, ein Röntgenschutz verdeckt seinen Kopf. Der einzige sichtbare Flecken Haut ist seine Leiste, schön versiegelt unter einem hauchdünnen Plastikfenster. Der Dämmerschlaf hat ihn bereits eingeholt.

Mit Schweineschwänzchen ins Herz
Nun dunkelt das Herzkatheterlabor ab, die Bildschirme leuchten umso heller. Zuerst schneiden die Ärzte in der Oberschenkelarterie ein kleines Loch. Es fliesst Blut. Auf den Bildschirmen kann man gut erkennen, wie Raban Jeger bis in die Herzkammer hinein einen Führungsdraht legt, der wegen seines gekringelten Endes Pigtail heisst, also Schweineschwänzchen. Gleich darauf bringt er in der Leiste eine Schleuse an, damit der Zugang zur Bauchaorta freiliegt.

Sobald die Schleuse parat ist, wird das kostbarste Stück, die neue Herzklappe, für den Einsatz flottgemacht. Noch befindet sie sich in einer durchsichtigen, mit Formaldehyd gefüllten Kunststoffdose. Die Radiologie-Fachfrau schraubt die Dose auf, zieht die Klappe sorgfältig aus der Flüssigkeit heraus. Die Klappe ist ein Ring aus einem zierlichen Gittergeflecht. An dessen Ende befinden sich drei eierschalenfarbene Täschchen aus Rindergewebe, die in mühseliger Handarbeit an das Gitter festgenäht worden sind. Ein Kleinod.

Die Fachfrau wäscht die Klappe im Salzwasser und bringt sie anschliessend in Form. Crimpen heisst dies in der Fachsprache. Die Klappe wird nun mit Hilfe eines Geräts in die Länge gezogen und zusammengefaltet, damit sie auf einem entlüfteten Ballon in einem engen Schlauch Platz hat. Dieser Schlauch, der Katheter, wird die Klappe später durch die Gefässe ins Herz transportieren.

Neue Klappe immer häufiger
Vor über zehn Jahren wäre ein Klappenersatz nur mit einer Operation möglich gewesen. Das heisst, Vollnarkose, Brustbein aufsägen, Herz-Lungen-Maschine anschliessen, Herz stilllegen, alte Klappe entfernen, neue einnähen. Dann begannen die Kardiologen, Klappen per Katheter einzusetzen. Der Vorgang heisst Transkatheter- Aortenklappenimplantation, kurz TAVI.

Ihr Vorteil ist, dass auch Patienten, bei denen eine Operation aufgrund des Alters oder anderer Krankheiten zu risikoreich wäre, eine neue Klappe erhalten können. Ihr Nachteil, dass man noch nicht weiss, wie lange diese Klappen halten. Immerhin muss sie sich 100'000-mal pro Tag öffnen und schliessen und dies über Jahre hinweg. Das biologische Material kann sich zudem zersetzen. Deshalb wird bei sonst gesunden und jüngeren Patienten die über Jahrzehnte etablierte Herzklappenoperation bevorzugt. Der Trend ist jedoch eindeutig: Die TAVI, vor ein paar Jahren ein seltener Eingriff, wird immer mehr zur Routine. Mittlerweile setzt man in der Schweiz jährlich über 1700 Aortenklappen per Katheter ein.

Das Herz pocht nur noch flach
Bevor Jean Weber seine neue Klappe erhält, erweitert Raban Jeger die alte kranke. Ein bisschen Spannung kommt auf. Ein schlaffer Ballon wird in die verengte Klappe eingeführt. «Rapid pacing beginnen», hört man plötzlich und ein Herzschrittmacher jagt das Herz auf 180 Schläge pro Minute, damit es für ein paar Sekunden nicht mehr pumpt, sondern nur noch ganz flach pocht. In dieser Zeit bläst sich der Ballon auf und drückt die engen Taschen wieder auseinander.

Unterdessen ist die neue Herzklappe parat. Auf dem Bildschirm sieht man, wie der Schlauch mit der zusammengefalteten Klappe einer Schlange gleich langsam durch die Aorta gleitet und nach dem Aortenbogen genau an der Stelle stoppt, wo die Klappe platziert und eingepasst werden muss. Millimeterarbeit. «So, ich bin jetzt bereit», ruft Raban Jeger nach ein paar kleinen Korrekturen.

Der grosse Moment steht an: Das Herz wird nochmals für eine kurze Zeit überstimuliert. Der Ballon mit der neuen Klappe tritt aus dem Schlauch und dehnt sich aus. Das Gittergeflecht entfaltet sich, drückt die kranke Klappe an die Wand und hakt sich fest. Nach nur wenigen Sekunden ist alles vorbei. Der Ballon sackt wieder in sich zusammen, die neue Aortenklappe arbeitet schon fleissig.

Nur kurz im Spital
Jetzt wollen die Ärzte wissen, ob alles gut funktioniert. Raban Jeger spritzt etwas Kontrastmittel. Auf dem Röntgenbild schiesst das Blut mit jedem Herzschlag hoch wie ein dunkler Strom. Es fliesst nicht zurück in die Herzkammer, die Klappe ist also dicht. Als nächstes überprüfen die Kardiologen, ob sich der Druck vor und hinter der Klappe wieder angeglichen hat, also ob das Herz wieder normal pumpen kann. «Ein fast perfektes Ergebnis», erklärt Christoph Kaiser zufrieden. Schlauch und Draht werden herausgezogen. Zum Schluss wirft das Team noch einen Blick auf die Beckenarterien. Auch hier ist alles in Ordnung, das kleine Loch in der Leiste kann jetzt zugenäht werden.

Das Licht im Herzkatheterlabor wird wieder hell. Jean Weber ist noch etwas benommen, aber wach. Er wird auf das Spitalbett gehoben und in die Intensivstation gefahren. Nach einem Tag kommt er auf die Bettenstation, nach insgesamt drei Tagen darf er nach Hause. Bald wird er sich wieder ganz ohne Beschwerden bewegen können. Das Wunderwerk der Technik hat ihm ein neues Leben beschert.


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