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Der erste Herzinfarkt soll der letzte sein

Den akuten Herzinfarkt gut zu behandeln ist das eine. Dafür zu sorgen, dass ihm kein weiterer folgt, das andere. Der Kardiologe Prof. Matthias Wilhelm vom Inselspital Bern erklärt, wie Rehabilitation am besten wirkt. Und weshalb Patientinnen und Patienten zum Partner des Arztes werden sollten.

Rehabilitation, Nachsorge, Prävention – dies alles tönt nicht sehr verlockend. Was würden Sie dem als Kardiologe entgegnen?
Prof. Matthias Wilhelm:
 Das stimmt, das tönt nicht sehr attraktiv. Trotzdem ist Prävention sehr wichtig. Sie hilft, erneute Ereignisse zu verhindern, Folgekosten im Gesundheitswesen zu reduzieren und die Lebensqualität von Patienten zu verbessern. Man kann das vielleicht mit der Automobilindustrie vergleichen. Ein Hersteller, der fehleranfällige Autos produziert, die in der Folge teuer repariert werden müssten, wäre kaum marktfähig. Die sorgfältige Produktion und der regelmässige Service helfen, Unfälle zu vermeiden, Reparaturkosten zu reduzieren und die Kundenzufriedenheit zu erhöhen.

Dennoch: Eine Operation oder ein Eingriff ist spektakulär. Im Vergleich dazu geht die tägliche Fleissarbeit etwas unter. 
Eine chronische Krankheit wie eine koronare Herzkrankheit verläuft anders als ein Beinbruch, dessen Behandlung irgendwann abgeschlossen ist. Der akute Herzinfarkt braucht zunächst den interventionellen Kardiologen, der das verschlossene Herzkranzgefäss wieder eröffnet. Anschliessend muss der Patient dazu beitragen, dass das Ergebnis langfristig gut bleibt. Gerade mit der täglichen Fleissarbeit wird der Patient zum Partner des Arztes.

Körperliche Aktivität
Körperliche Aktivität nach einem Herzinfarkt ist wichtig. Schon 30 Minuten pro Tag genügen.

Was sind die Eckpfeiler einer guten Rehabilitation und Prävention? 
Der Rehabilitation haftet noch ein altes Bild an. Mitte des letzten Jahrhunderts gab es wenig Behandlungsmöglichkeiten für einen akuten Herzinfarkt. Patienten wurde bis zu sechs Wochen Bettruhe verordnet. Die Reha hatte die Aufgabe, die entkräfteten Patienten für den Alltag und das Berufsleben wieder fit zu machen. Heute eröffnet man die Herzkranzgefässe sehr schnell wieder, und die meisten Patienten sind rasch wieder auf den Beinen. Der rein rehabilitative Aspekt steht nicht so im Vordergrund, sondern eher der präventive. Wir Kardiologen wollen, dass der Patient nicht nochmal ein Ereignis durchmacht. Sein erstes soll sein letztes sein.

Wie hat dies die Reha verändert? 
Die Gesundheitskompetenz wird immer wichtiger. Der Patient muss seine Krankheit verstehen, den Umgang mit seinen Risikofaktoren lernen, sich gesund ernähren und ausreichend bewegen. Aber auch die Medikamente regelmässig einnehmen und zur Nachsorge gehen. Wer dies befolgt, hat eine deutlich bessere Prognose. 

Welche Faktoren erzielen die besten Resultate? 
Das Wichtigste ist ein aufgeklärter Patient. Er muss verstehen, dass man mit einer chronischen Herzerkrankung gut leben kann. Aber es braucht eine gewisse Achtsamkeit. Zentral ist die Motivation zu einem aktiven und gesunden Lebensstil. Ebenfalls wichtig ist eine medikamentöse Behandlung basierend auf den Leitlinien. Auch hier gilt, je aufgeklärter der Patient ist, desto eher wird er die Medikamente langfristig einnehmen.

Weshalb hat die Bewegung einen grossen Stellenwert? 
Bewegung ist uns über die Gene verordnet. Unsere Vorfahren waren Jäger und Sammler. Sie mussten sich bewegen, um den täglichen Nahrungsbedarf zu decken. Heute haben wir mit einem Minimum an Bewegung Zugang zu einem Überangebot an Nahrung. Unsere Gefässe brauchen aber weiterhin regelmässige Belastungsimpulse. Das gilt trotz modernen Medikamenten auch für Herzpatienten. Die gute Nachricht ist, dass es nicht viel braucht. Schon 30 Minuten gemässigte körperliche Aktivität pro Tag reichen aus, damit unser Gefässsystem geschmeidig und gesund bleibt.

Funktioniert Prävention auch, wenn die Krankheit schon fortgeschritten ist? 
Unbedingt. Prävention ist in allen Phasen einer Herzerkrankung sinnvoll. Auch im fortgeschrittenen Stadium oder höherem Alter möchte man Komplikationen wie Spitalaufenthalte oder erneute Ereignisse verhindern. Denn sie schränken die Selbständigkeit oft weiter ein. Darüber hinaus trägt ein aktiver Lebensstil zu einer besseren Gedächtnisleistung bei und verhindert Stürze.

Prof. Matthias Wilhelm
Professor Wilhelm erklärt, wie Rehabilitation am besten wirkt.

Hilft Prävention auch bei anderen Herzerkrankungen, zum Beispiel bei Herzrhythmusstörungen? 
Der Lebensstil spielt auch bei anderen Herzerkrankungen, wie Vorhofflimmern, eine wichtige Rolle. Übergewichtige Patienten haben ein besseres Behandlungsresultat, wenn sie ihre Fitness verbessern und das Gewicht reduzieren.

Viele Menschen müssen nach einem Herzinfarkt ihr Leben umstellen. Warum scheitern manche daran? 
Weil die falsche Vorstellung besteht, dass es eine grosse Umstellung braucht. Wenn man Prävention als Einschränkung wahrnimmt, macht man sie nicht besonders gerne und setzt sie nicht langfristig um. Deshalb dürfen wir die Patientinnen und Patienten nicht mit unrealistischen Zielen abschrecken und frustrieren. Bei Übergewichtigen ist eine Gewichtsstabilisierung häufig sinnvoller als eine strenge Diät, die nach einer kurzfristigen Gewichtsabnahme wieder zu einer Zunahme führt. Man weiss heute, dass Gewichtsschwankungen das Herzkreislaufrisiko eher erhöhen.

Nehmen Männer und Frauen Rehabilitationsmassnahmen gleichermassen in Anspruch?
Nein, dies liegt aber hauptsächlich am Alter. Frauen sind im Durchschnitt deutlich älter als Männer, wenn sie einen Herzinfarkt erleiden. Im fortgeschrittenen Alter gehen die Menschen tendenziell weniger in eine Reha, weil sie fälschlicherweise denken, dass es nicht mehr viel nützt.

Was raten Sie Betroffenen, die unschlüssig sind, ob sie an einem Reha-Programm oder Training in einer Herzgruppe teilnehmen sollen? 
Ausprobieren! Dies ist häufig der Schlüssel zum Erfolg. Wir raten unseren Patienten, das Programm mal unverbindlich zu beginnen. Über 80 Prozent absolvieren dann die vorgesehene Programmdauer. Deshalb: Die Hemmschwelle überwinden und den ersten Versuch starten!

Das funktioniert aber nicht für alle. 
Das stimmt. Solche Präventions- und Rehabilitationsprogramme sprechen momentan nur etwa die Hälfte aller Patienten an. Deshalb müssen wir Ärztinnen und Ärzte diese zukünftig individueller gestalten und die Bedürfnisse unserer Patienten besser berücksichtigen. Die sogenannte personalisierte Medizin wird auch in die Prävention einziehen.

Unser Gesundheitssystem investiert viel Energie in das Reparieren. Liegt hier ein Grund, weshalb die Prävention etwas vernachlässigt wird?
Nein. Gerade in der Schweiz sind die Voraussetzungen für eine gute Prävention und Rehabilitation nach einem Herzinfarkt erfüllt. Im Gegensatz zu manchen anderen Ländern in Europa werden hierzulande die Rehabilitationsleistungen von den Krankenkassen übernommen.

Trotzdem: Wie kann man die Prävention nach einem Herzinfarkt weiter verbessern? 
Wir sollten die gesamte Versorgungskette vom Hausarzt bis zum Spezialisten mehr in den Prozess einbeziehen. Prävention sollte aber nicht nur in den Händen der Ärztinnen und Ärzte liegen. Pflegefachkräfte, Therapeuten und auch Apotheken können einen wichtigen Beitrag leisten. Und nicht zuletzt müssen wir die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten stärker berücksichtigen. Die Kommission Patienten der Schweizerischen Herzstiftung hat im letzten Herbst bereits damit begonnen.

Also wenn man bereits erkrankt ist, dann funktioniert die Prävention recht gut. Und vorher? 
Der Grundstein von chronischen Erkrankungen wird in der Kindheit gelegt. Wenn man in der Jugend übergewichtig ist, verdoppelt bis vervierfacht sich das zukünftige Diabetes-Risiko. Mit 18 Jahren ist es bereits deutlich erhöht. Hier aber beginnen gesellschaftliche Diskussionen, die ausserhalb des Wirkungskreises von uns Ärzten liegen. Wenn wir die Prävention ernstnehmen, müssen wir schon im Kindergarten und in der Schule anfangen.

Artikel aus Magazin HERZ und HIRNSCHLAG, April 2019

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