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«Beim Rauchstopp hinkt die Schweiz nach»

30 Jahre lang hat sich Verena El Fehri als Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz (AT) für das Nichtrauchen engagiert. Dennoch ist die Anzahl Raucherinnen und Raucher immer noch hoch. Sie erklärt, weshalb dies so ist und was man dagegen unternehmen müsste.

Frau El Fehri, welche Beziehung haben Sie zur Zigarette?
Ich habe mal geraucht. Daher weiss ich, wie es ist, wenn man mit dem Rauchen anfängt und aufhört. Sonst ist die Beziehung rein beruflicher Art.

Wie sind Sie zum Rauchen gekommen?

Mit 17 Jahren dachte ich, das Rauchen gäbe mir einen ernsthaften Stil. Ich wollte mit der Zigarette einen geschäftigen Eindruck machen. Das Element der Stilgebung finde ich sehr wichtig. Viele denken, man brauche nur eine gute Kampagne, um zu zeigen, dass Nichtrauchen schöner und besser ist. Ich sage immer, das ist Werbung für die Katz. Weil etwas nicht zu tun, nicht zu rauchen, kann man nicht wirklich bewerben.

Was ist die beste Methode, mit dem Rauchen aufzuhören?
Es gibt nicht die eine, sichere Methode. Die meisten Menschen, die mit dem Rauchen aufhören, tun dies ohne fremde Hilfe, also ohne Medikamente oder Gruppenkurse. Die Kombination von Verhaltenstherapie und Medikamenten erhöht allerdings die Chancen für einen erfolgreichen Ausstieg.

Nichtraucherbereich Bahnhof
Rauchverbote in öffentlichen Räumen erhöhen den Druck, mit dem Rauchen aufzuhören.

Auch die Schweizerische Herzstiftung bemüht sich, dass Menschen mit dem Rauchen aufhören. Wäre es nicht gescheiter dafür zu sorgen, dass man erst gar nicht mit dem Rauchen anfängt? 
So hat man lange gedacht. Man wollte primär verhindern, dass es Neueinsteiger gibt. Das sagt inzwischen sogar die Tabakindustrie. Denn auch sie weiss, dass es wenig bringt, wenn man allein bei der Jugend ansetzt. Solange das Rauchen in unserer Gesellschaft verbreitet ist, können wir nur geringfügig verhindern, dass die Jungen mit dem Rauchen anfangen. Damit die Zahl der jugendlichen Einsteiger sinkt, braucht es eine Senkung der Raucherrate bei Erwachsenen.

Ausstiegsprogramme sind also sinnvoll?
Ja, aber es braucht nicht nur Ausstiegsprogramme. Es braucht einen gewissen Druck auf die Raucherinnen und Raucher. Wenn der gesellschaftliche Druck grösser wird, werden mehr Ausstiegsversuche gemacht. Kampagnen und Angebote, schöne Botschaften und Sensibilisierung reichen nicht aus.

Wie kann man diesen Druck erhöhen?
Zum Beispiel indem wir noch mehr Lebensräume rauchfrei gestalten. Weitere Massnahmen sind, dass man die Erhältlichkeit von Zigaretten erschwert, die Werbung einschränkt, Preise erhöht. Aber wer dies fordert, wird schnell angefeindet.

Weshalb?
Wir leben in einer sehr liberalen Gesellschaft. Rasch wird eine Massnahme als totale Bevormundung bezeichnet. Mit diesem Argument wird bei uns vieles abgelehnt. Aber solche Massnahmen sind notwendig, um die Zahl der Tabakkonsumentinnen und -konsumenten zu reduzieren.

Verena El Fehri
Verena El Fehri, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz (AT).

Ist dies ein Grund, weshalb die Anzahl Raucherinnen und Raucher in der Schweiz in den letzten Jahren kaum gesunken ist?
Im Gegensatz zu anderen Ländern ist hier bezüglich Regulierung von Tabak und ähnlichen Produkten nicht viel passiert. Beispielsweise haben wir die Werbung und Promotion nicht weiter eingeschränkt. Der Preis ist in den letzten Jahren gleichgeblieben. Im Vergleich zu unserem Lebensstandard ist der Zigarettenpreis in der Schweiz sehr tief. Wir müssen für ein Päckli Zigaretten deutlich weniger lang arbeiten als im Ausland.

Werbeverbote sind wirksam. Oft aber werden sie mit dem Argument abgelehnt, dass man die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger einschränkt.
Dieses Argument ist besonders absurd. Tabakwerbung brauche ich ja nicht zum Leben. Mit der Tabakwerbung werde ich ja nicht glücklich, gescheiter oder besser informiert. Mit der Tabakwerbung werde ich dazu verführt, ein Produkt zu konsumieren. Bei einem Werbeverbot geht meine Freiheit nicht verloren, diejenige der Tabakindustrie natürlich schon.

Ist die Tabakprävention genussfeindlich und moralistisch?
Nein. Die Mehrheit der Gesellschaft hat immer aus Nichtraucherinnen und Nichtrauchern bestanden. Diesen Menschen fehlt doch nichts, weil sie nicht rauchen. Auf die Zigarette muss man erst verzichten, wenn man abhängig ist. Es ist das Verlangen, die Nikotinsucht, die einen antreibt, nicht der Genuss. Auf viele Zigaretten haben Sie als Raucher gar keine Lust.

Rauchen hat also wenig mit Freiheit im eigentlichen Sinne zu tun?
Man tut so, als sei der Mensch frei und entscheide sich fürs Rauchen. Die Realität sieht anders aus: Wer damit anfängt, ist meistens sehr jung und sicher auch einfacher beeinflussbar. Junge Einsteiger denken, dass sie nach ein paar Jahren wieder aufhören. Dann rauchen sie die nächsten 20 oder 30 Jahre, nicht aber, weil sie sich dafür entschieden haben, sondern weil sie abhängig geworden sind.

Neben der Zigarette gibt es immer mehr andere nikotinhaltige Produkte, die E-Zigarette, Juul, Tabakerhitzer. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Wenn abhängige Raucherinnen und Raucher zu 100 Prozent auf die E-Zigarette umsteigen, schaden sie ihrem Körper möglicherweise weniger. Diese neuen Produkte können aber dazu führen, dass die Nikotinabhängigkeit in der Gesellschaft erhalten bleibt.

Ist das ein Problem?
Wenn diese Verabreichungsform gesundheitlich unbedenklich ist, so wie Kaffeetrinken, dann nicht. Wir wissen aber von den neuen Produkten, dass sie gesundheitliche Schäden nach sich ziehen. Die E-Zigarette ist nicht risikofrei. Produkte, bei denen der Tabak erhitzt wird, produziert gar ähnlich viel Schadstoffe wie die Zigarette. Die neuen Produkte kurbeln zwangsläufig den Konsum bei Jugendlichen an. Und das wollen wir nicht.

Die E-Zigaretten sind also keine Lösung?
Unter Umständen schon. Wer komplett auf E-Zigaretten umstellt, setzt sich weniger Schadstoffen aus. Das kann für jemanden, der nicht mit Rauchen aufhören kann oder will, eine Lösung sein. Es ist für sie oder ihn sicher gesünder, auch keine E-Zigaretten mehr zu konsumieren.


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