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Mit guter Hygiene das Herz schützen

Eine Infektion kann das Herz schädigen. Seit der COVID-19-Pandemie macht dies zuweilen sogar Schlagzeilen. Doch zahlreiche weitere Viren und Bakterien können das Herz angreifen. Prof. Parham Sendi, klinischer Infektiologe am Universitätsspital Basel, erklärt, wer besonders betroffen ist und wie man einer Infektion vorbeugen kann.

Als Infektiologe sind Sie in Zeiten von COVID-19 besonders gefragt. Wie gestaltet sich Ihr Alltag?
Prof. Parham Sendi:
Ich ar­beite zu 50 Prozent mit Patien­tinnen und Patienten am Uni­versitätsspital Basel. Die andere Hälfte arbeite ich als Dozent und Forscher am Insti­tut für Infektionskrankheiten der Universität Bern. Ich bin also nicht die ganze Zeit mit der COVID­-19-­Problematik be­schäftigt.

Wie sieht die Situation gegenüber der ersten Welle im letzten Frühling aus?
Damals war vieles noch unklar, wir waren schlechter auf die Pandemie vorbereitet als heute. Wir wussten noch nicht, welche Behandlung funktioniert, welche nicht. Daher war die Hemmschwelle eher tief, einen Wirkstoff einzusetzen, der bei anderen Krankheiten ge­braucht wird, zum Beispiel ein HIV-­ oder ein Malaria­medikament. Heute ist dies anders.

Gesunde Zähne
Gesunde Zähne in jedem Alter helfen, auch das Herz gesund zu halten.

Das heisst, Sie wissen, welche Therapie bei einer Infektion mit dem neuen Coronavirus wirkt?
Sagen wir es so, wir wissen, was nicht wirkt. Viel gegen das Virus können wir nach wie vor nicht tun. Wir haben kein spezifisches Medikament, das gegen dieses Virus wirkt. Bei einem grossen Teil der Personen kann das eigene Immunsystem das Virus kontrollieren und eliminieren. Diese Personen brauchen keine Therapie. Bei einem kleinen Teil der Betroffenen reagiert das Immunsystem heftig, sozusagen überschiessend und verursacht Schäden in der Lunge, die zu COVID-19-Lungenentzündungen führen. In solchen Fällen versuchen wir, das Immunsystem zu unterdrücken, um das Fortschreiten der Entzündungsreaktion zu verhindern.

Hat COVID-19 einen Einfluss aufs Herz?
Die Krankheit ist neu, wir müssen noch viel lernen. Bis­lang beobachten wir eine zeitliche Verbindung von Viruserkrankung und verschiedenen Herzkrankheiten wie zum Beispiel Herzinsuffizienz, Rhythmusstörungen, Herzinfarkt oder Herzmuskelentzündungen. Die Zusammenhänge sind aber noch nicht ganz geklärt.

Wenn jemand wie bei COVID-­19 eine schwere System­erkrankung hat, also eine Entzündung im ganzen Kör­per, dann muss der Herzmuskel viel stärker pumpen, um den Kreislauf aufrechtzuerhalten. Das führt zu Stress, Erschöpfung oder Schäden. Bei gewissen Patien­ten beobachtet man eine Infektion des Herzmuskels, also eine Myokarditis. Man hat das neue Coronavirus nach Autopsien auch schon im Herzmuskel gefunden.

Prof. Parham Sendi
«Von einer guten Hygiene profitieren alle Personen, nicht nur solche mit einem erhöhten Risiko.» Prof. Parham Sendi

Was ist eigentlich eine Infektion?
Treten Mikroorganismen in den Körper oder in ein Organsystem ein, sprechen wir von einer Infektion. Führt die Infektion zu einer Krankheit, ist dies eine Infektionskrankheit. Zu den Erregern zählen neben den bereits erwähnten Viren auch Bakterien, Pilze oder Parasiten. All diese Erreger können auch Infektionen am Herz oder an der Herzklappe verursachen.

Welche Infektionen am Herzen beobachten Sie?
Die beiden häufigsten Erkrankungen sind die virale Myokarditis und die bakterielle Endokarditis.

Dies müssen Sie erklären.
Beginnen wir mit der durch Viren ausgelösten Myokar­ditis, einer Herzmuskelentzündung. Viren sind sehr kleine Erreger, die Informationen zur Vermehrung in sich tragen. Damit sie überleben und sich vermehren können, brauchen sie eine Wirtszelle. Es handelt sich quasi um Zellpiraten. Die meisten Viren bevorzugen be­stimmte Arten von Zellen. Und einige Viren können auch in die Herzmuskelzellen eindringen. Die infizierten Zellen verändern sich, das Immunsystem erkennt dies und reagiert. Es entsteht eine Herzmuskelentzündung.

Ist dies gefährlich?
Die meisten Patienten mit einer Myokarditis erholen sich gut bis sehr gut. Aber es gibt auch schwere Verläufe. Je nachdem, wie stark und an welcher Stelle der Herz­muskel geschädigt wird, kann eine Herzrhythmus­störung entstehen oder eine Herzinsuffizienz.

Wer bekommt eine Myokarditis?
Alle können eine Myokarditis bekommen. Viele unserer erwachsenen Patientinnen und Patienten sind eher jung oder im mittleren Alter. Oft finden wir keinen Erreger. Aber die Patienten berichten von einer durchgemachten Durchfall­ oder Erkältungsepisode. Aufgrund dessen vermuten wir eine anfänglich harmlose Viruserkrankung, die dann als Komplikation auch den Herzmuskel betrifft. Daher sind die Hygienemass­nahmen, die wir momentan aufgrund der COVID­-19-­Pandemie anwenden, generell nützlich. Sie schützen uns vor der Übertragung vieler anderer Viren.

Bei der Endokarditis hingegen richten hauptsächlich Bakterien den Schaden an. Was ist der Unterschied?
Bakterien sind viel grösser als Viren und sind Einzeller. Sie brauchen keine Wirtszellen, sondern setzen sich an gewissen Stellen des Körpers fest, vermehren sich dort und bilden eine Vegetation oder einen Abszess. Damit Bakterien an einer fremden Stelle im Körper anhaften können, liegt meistens bereits eine Schädigung am Gewebe vor.

Wo im Herz passiert dies?
Betroffen ist die Innenschicht der Herzwand, Endokard genannt, welche die Herzkammern auskleidet und die Herzklappen bedeckt. Liegt dort beispielsweise eine Verletzung vor, können sich Bakterien ansiedeln. Ein Risikofaktor sind Turbulenzen im Blutstrom, die bei einem Klappenfehler entstehen. Auch sie schädigen das Endokard. Nach Herzklappenoperationen kann es eben­falls zu einer Entzündung des Endokards kommen. Und schliesslich haben Menschen, die bereits eine Endo­karditis durchgemacht haben, ein erhöhtes Risiko einer erneuten Infektion.

Wie kommen die Bakterien dorthin?
Wir Menschen tragen eine Unmenge Bakterien mit uns, mindestens so viele, wie unser Körper Zellen hat. Diese Bakterien leben mit uns und haben auch einen guten Zweck. Solange die Mundbakterien im Mund bleiben, die Hautbakterien auf der Haut und Darmbakterien im Darm, ist alles perfekt. Problematisch wird es, wenn diese Bakterien zum Beispiel durch Verletzungen ihren Ort verlassen, ins Blut gelangen und sich im Endokard ansiedeln. Wird eine Endokarditis nicht sofort behan­delt, kann dies die Herzklappen irreparabel schädigen und lebensbedrohlich werden.

Kann man dem vorbeugen?
Ja, das kann man mit Hygienemassnahmen. Das heisst, gute Zahn-­ und Mundpflege, gute Hautpflege, Haut­verletzungen sofort desinfizieren. Diese Massnahmen sind besonders wichtig, davon profitieren übrigens alle Personen, nicht nur solche mit einem erhöhten Risiko.

Wer muss besonders aufpassen?
Personen mit Herzklappenerkrankungen oder -­anoma­lien müssen gut auf diese Hygienemassnahmen achten und darüber hinaus bei Fieber sofort den Arzt oder die Ärztin aufsuchen. Dann gibt es eine weitere Gruppe mit einem besonders hohen Risiko. Dazu zählen unter ande­rem Menschen mit einer künstlichen Herzklappe oder einem angeborenen Herzfehler. Solche Personen müs­sen neben allem bereits Erwähntem vor gewissen Ein­griffen, beispielsweise vor dem Zahnarztbesuch, eine Antibiotikaprophylaxe durchführen. Sie werden vom Kardiologen, der Kardiologin darüber informiert und er­halten den Ausweis der Schweizerischen Herzstiftung zur Endokarditis­-Prophylaxe.

Abschliessend eine Frage, welche die meisten von uns beschäftigt. Überall wird für Mittel oder Hausrezepte geworben, die das Immunsystem stärken sollen. Haben diese eine Wirkung?
Ich bin Schulmediziner, daher kann ich nur aus unserer Perspektive antworten. Wir meinen, dass wir zwar eine Schwächung des Immunsystems beseitigen können. Haben Sie beispielsweise eine starke Mangelernährung, dann müssen Sie mit einer ausgeglichenen Ernährung dafür sorgen, dass Sie diese Schwächung des Immun­systems tilgen oder vermeiden. Dass man aber ein nor­mal oder gut funktionierendes Immunsystem noch zu­sätzlich stärken kann, ist mir aus der Schulmedizin nicht bekannt.


Informationen für Betroffene

Weitere Informationen zur Vorbeugung, Diagnose und Behandlung einer Endokarditis finden Sie auf der Internetseite www.endocarditis.ch

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