Newsroom

«Manche reagieren mit überstarken Ängsten»

Die Herzmedizin heilt schnell. Oft so schnell, dass die Seele nicht mehr mitkommt. In der psychokardiologischen Beratung des Universitätsspitals Zürich hilft die Oberärztin Dr. Lena Jellestad, belastende Ereignisse zu verarbeiten.

Was sagen Sie jemandem, dem die Folgen eines Herznotfalls zu schaffen machen und der zögert, eine psychokardiologische Sprechstunde aufzusuchen?
Dr. Lena Jellestad:
Ich würde sagen, Sie haben viel  erlebt, mit dem man Mühe haben kann. Vielen geht es genauso wie Ihnen und wir können Sie unterstützen. Oft hat man das Gefühl, die einzige Person mit Schwierigkeiten zu sein. Alle anderen können damit umgehen, nur ich nicht. Also nimmt man vielleicht keine Hilfe an, man müsste sonst eine Schwäche eingestehen. Natürlich stimmt das so nicht.

Aus welchen Beweggründen kommen Menschen zu Ihnen?
Zu uns kommen Menschen, die merken, dass sie nicht mehr weiterkommen. Der Kardiologe sagt ihnen, das Rohr ist wieder frei, alles funktioniert wieder, das Herz ist top und alles ist in Ordnung. Aber im Beruf zum  Beispiel können sie nicht mehr dort einsteigen, wo sie ausgefallen sind. In der Beziehung, im sozialen Umfeld entstehen plötzlich ungewohnte Schwierigkeiten. Die Familie macht sich grosse Sorgen und für den Betroffenen bleibt zu wenig Raum, das Erlebte selbst zu  bewältigen. Man fällt ein bisschen aus der Welt raus.

Ängste
Nach einem Herzinfarkt kann der Körper zum Feind werden.

Wie spüre ich, dass mit mir etwas nicht mehr stimmt?
Indem Sie beispielsweise merken, dass Sie mit dem Stress nicht mehr so umgehen können wie vorher. Sie können sich nicht mehr so gut konzentrieren, machen sich viele Gedanken. Sie richten die Aufmerksamkeit zu stark auf den Körper. Frühere Tätigkeiten werden nicht mehr ausgeführt aus Angst, es könnte nochmals etwas passieren. Der Körper kann so zum Feindbild werden. Manchmal sagt auch der Partner oder die Partnerin, du musst jetzt etwas tun, nach dem Ereignis erkenne ich dich nicht wieder, du wirkst wie abgeschaltet,  nachdenklich, gehst nicht mehr raus, traust dir nichts mehr zu.

Wie reagieren Patienten, wenn sie das erste Mal bei Ihnen erscheinen?
Manchen macht das Wort Psychokardiologie Angst. Sie haben das Gefühl, es gehe um grosse psychische Probleme. Am Anfang erkläre ich deshalb kurz, dass es nicht um schwere psychische Erkrankungen gehen muss, sondern erst mal um Bewältigungsprobleme. In der Herzmedizin dreht sich vieles um Diagnostik und Abklärung, da kommen die seelischen Verarbeitungsprozesse oft zu kurz. Häufig sind Patientinnen und Patienten deshalb sehr froh, dass es ein solches Angebot gibt. Sie können hier erzählen und nachvollziehen, was sie erlebt haben, ohne negativ bewertet zu werden.

Dr. med. Lena Jellestad
«Der Herzinfarkt kann dazu auffordern, über sich und sein Leben nachzudenken.» Dr. Lena Jellestad

Was muss ich mir unter einer psychokardiologischen Beratung vorstellen?
Zunächst geht es darum, das erlebte Ereignis einzuordnen. Denn der Behandlungsverlauf nach einem Herznotfall ist so schnell, dass die Psyche oft gar nicht hinterher-kommt. Wir schauen zuerst einmal, wo der Patient steht. Hat die Person überhaupt schon realisiert, was passiert ist? Wie geht diese Person damit um? Dann suchen wir nach Faktoren, die den Krankheits- oder Gesundheitsprozess des Patienten beeinflussen und versuchen, die gesundheitsfördernden Prozesse zu stärken.

Wie lange geht eine solche Behandlung?
Wir machen in der Regel zunächst eine Abklärung. Diese Abklärung kann nach ein, zwei oder drei Sitzungen abgeschlossen sein. Danach kann es aber vorkommen, dass wir eine auch länger dauernde, psychotherapeutische Behandlung beginnen. Beispielsweise, wenn jemand nach dem Ereignis Angst- oder Depressionssymptome entwickelt hat.

Wann sind Ängste übertrieben?
Ängste nach einem kardialen Ereignis sind normal. Gewisse Personen jedoch reagieren mit überstarken Ängsten. Diese Personen sind vorher beispielsweise zum Tennis, zum Schwimmen gegangen, allein zur Arbeit gefahren und trauen sich nun gar nicht mehr aus dem Haus aus Angst, ihren Körper zu belasten. Oder sie befürchten, dass ein neuer Herzinfarkt droht, wenn der Puls ansteigt. Wenn man nichts mehr alleine unternehmen kann, weil man denkt, dass einem im Notfall niemand helfen könnte, schränkt dies die Lebensqualität stark ein.

Wann wird aus einem vorübergehenden Stimmungstief eine Depression?
Auch Deprimiertheit ist nach einem solchen Ereignis nachvollziehbar. Wer aber so niedergeschlagen ist, dass er oder sie sich dem Alltag nicht mehr gewachsen fühlt, sollte etwas unternehmen. Beispielsweise, wenn man zwar noch arbeitet, aber oft fehlt, weil man es morgens nicht aus dem Bett schafft. Oder nach Hause kommt, nichts mehr unternehmen möchte und die Freunde fragen, was mit einem los ist. Oder man schläft schlecht, weil man sich ständig Gedanken darüber macht, was war und dass es nie mehr so sein wird wie früher. Die Zukunft sieht nur noch schwarz aus. Dies sind Zustände, die über eine Deprimiertheit hinausgehen.

Ist ein überstandener Herzinfarkt auch eine Möglichkeit, sein Leben zu hinterfragen?
Ja, ein Herzinfarkt kann eine Person dazu auffordern, über sich und seine Lebensweise nachzudenken. Gerade nach einem akuten Ereignis. Man geht am Morgen gesund aus dem Haus zur Arbeit, hat am Mittag einen Herzinfarkt. Nach anderthalb Stunden auf dem Katheter-Tisch ist das Herz wieder repariert. Der Betroffene steht da, wo er vorher stand und gleichzeitig ganz woanders. Dies kann eine Person dazu bringen, darüber nachzudenken, was und warum dies eigentlich passiert ist und wie dieser Herzinfarkt ins Leben passt. Was mache ich nun damit? Und wie möchte ich im weiteren Leben mit diesem Ereignis umgehen? Man muss dem Herzinfarkt in der Lebensgeschichte einen Platz einräumen, ihn integrieren. Er lässt sich nicht einfach an den Rand drängen. Daraus ergeben sich in einer Therapie individuelle Möglichkeiten, dass daraus Neues wachsen kann.

Zum Schluss: Was wäre ein erster Schritt aus einer belastenden Situation?
Ich empfehle als Allererstes, darüber zu reden. So kommt man aus dem Hamsterrad raus und kann sich auch mit anderen Personen abgleichen. Am besten tut man dies mit jemandem, den man gut kennt, dem Partner, der Partnerin, Freund oder Freundin. Überprüfen Sie als nächstes, was schwierig ist, aber noch ganz gut funktioniert. Also was gelingt Ihnen, wo sind Ihre Stärken? Denn dies gibt Ihnen wieder ein Gefühl für ein Gleichgewicht. Fragen Sie sich: Was hat mir früher gutgetan und was habe ich in letzter Zeit vernachlässigt? Nehmen Sie diese Tätigkeiten wieder auf, treffen Sie sich mit Freunden, gehen Sie ins Kino oder treiben Sie Sport. So kommt man aus der Schablone raus, die sagt, dass alles nur noch schlecht ist.


Erfahren Sie mehr

Herz und Psyche

Herz und Psyche

Psychische Belastungen sind ein Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten. Umgekehrt lösen ein Herzinfarkt oder ein Hirnschlag gehäuft Angststörungen und Depressionen aus. Die Broschüre stellt die Zusammenhänge dar und gibt Betroffenen Anregungen, wie sie Körper und Seele in Einklang bringen können.

Hier bestellen

Webseite teilen