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Manche Herzinfarkte kommen völlig unerwartet

«Ich doch nicht», denken manche und werden dann doch von einem Herzinfarkt überrascht. Denn Gesundheitsrisiken bleiben manchmal unerkannt oder werden unterschätzt. Ausserdem können familiäre Faktoren eine Rolle spielen, wie bei der 62-jährigen Nicole Ducommun. Ein plötzlicher Infarkt hat ihr Leben ziemlich durcheinandergebracht.

Kann man Herzinfarkte voraussagen und sie dadurch verhindern? Leider ist dies heute noch nicht immer möglich, denn nicht alle Infarkte ereignen sich bei typischen Herzinfarktkandidatinnen und -kandidaten. Die 62-jährige Nicole Ducommun gehört zu denjenigen, die nicht damit rechnen konnten, es bestanden keine bekannten Risikofaktoren. Sie rauchte nie und hatte keine gesundheitlichen Probleme, abgesehen von einem leicht erhöhten Blutdruck. Im Gegenteil, sie lebt seit jeher gesund, aktiv und im Einklang mit der Natur. Ein grosser Biogarten versorgt sie und ihren Ehemann mit ungespritztem Gemüse. Von biologischen Nahrungsmitteln war sie bereits überzeugt, als darüber noch kaum gesprochen wurde.

Nicole und Laurent Ducommun
Nicole und Laurent Ducommun

Ihr Garten befindet sich an einem malerischen Ort am Neuenburgersee, in der Nähe von Neuchâtel. Ein mittelalterliches Schloss und zahlreiche Weinberge runden das Postkartenbild ab. An einem dieser Hänge wohnt das Ehepaar Ducommun, in einem kleinen Haus mit etwas Umschwung, Obstbäumen und eben dem Gemüsegarten, den sie mit den Nachbarinnen und Nachbarn teilen. In dieser Idylle wurde Nicole Ducommun von einem starken Herzinfarkt erschüttert. Im letzten Dezember, am frühen Morgen, war ihr plötzlich schlecht. Im Bett verspürte sie einen heftigen Schmerz auf der Brust, der sich bis in die Arme fortführte, und sie dachte, sie müsse erbrechen. Sie sagte zu Laurent, ihrem Ehemann, sie fühle sich gar nicht gut, und ging ins Bad.

Zuvor zwei kleine Vorzeichen
Beide dachten sofort ans Herz. Laurent, weil er das Magazin der Schweizerischen Herzstiftung seit Jahren regelmässig liest und die Alarmzeichen kennt. Nicole, weil sie sich an zwei Erlebnisse erinnerte, die sich in den Tagen zuvor ereignet hatten, denen sie damals aber keine Bedeutung zumass. An dem einen Morgen, das Dezemberwetter war schon recht kalt, fuhr sie mit dem Velo bergauf und verspürte plötzlich diesen Schmerz. Sie musste absteigen und eine Pause einlegen. Ein paar Tage später im Dorf passierte es ihr nochmals.

Deshalb zögerten sie beim dritten Mal nicht mehr, griffen gleich zum Telefon und erklärten der Notfallstation des Spitals in Neuchâtel den Zustand. Laurent brachte sie mit dem Auto ins nahe gelegene Spital. Heute gesteht er, dass dies seine bangsten zehn Minuten waren. Stell dir vor, sie fällt unterwegs in Ohnmacht, was machst du dann, schoss es ihm unentwegt durch den Kopf.

Es dauerte nicht lange und Nicole fuhr mit Blaulicht weiter ins Inselspital nach Bern. Dort erwartete sie eine Koronarangiographie und es wurde ihr ein Stent gesetzt. «Sie haben Glück gehabt», sagte ihr der behandelnde Kardiologe, «der Infarkt war grösser, als wir zunächst gedacht hatten.» Es lief alles wie am Schnürchen: Die Ducommuns reagierten rasch, die kardiologische Behandlung verlief nach der Regel der Kunst.

Dennoch fragt man sich danach, wie es überhaupt zu einem Herzinfarkt kommt. Nicole Ducommun vermutet bei ihr eine genetische Vorbelastung. Ihr Vater und andere Verwandte väterlicherseits sind an einem Herzinfarkt erkrankt oder verstorben. Ihre Mutter erlitt einen Hirnschlag. Eine andere schlüssige Erklärung hat sie bis heute nicht erhalten, auch nicht von Fachpersonen.

Nicht alle Herzinfarkte sind typisch
Das Bild, dass der Herzinfarkt die Krankheit des rauchenden und gestressten Managers mit Bäuchlein ist, stimmt nicht. Und es ist auch irreführend. Gerade bei Frauen steigt die Zahl der Herzinfarkte in den letzten Jahren, die Komplikations- und Sterberate ist bei ihnen durchschnittlich sogar höher. Ausserdem entsprechen nicht alle Betroffenen der Vorstellung eines typischen Herzinfarktpatienten, einer typischen Herzinfarktpatientin. Viele sind nicht übergewichtig. Risikofaktoren wie Bluthochdruck, zu hohe Blutfett- und Blutzuckerwerte können jahrelang unentdeckt bleiben, wenn man sie nicht regelmässig überprüft.

Bei manchen Menschen spielen soziale und genetische Faktoren eine Rolle. So kann Dauerstress aufgrund einer schwierigen Situation die Herz-Kreislauf-Gesundheit beeinträchtigen. Kommen ungünstige Genvarianten zusammen, kann dies die Gefahr eines Herzinfarkts zusätzlich stark erhöhen. Solche Erbgutvarianten sind teilweise bekannt, müssen jedoch weiter erforscht werden. Zukünftig werden also gezielte präventive Behandlungen zusätzlich helfen, einen Herzinfarkt zu vermeiden.

Schwieriger Lebensabschnitt
Ungünstige Gene kann man nicht ändern. Aber gerade erblich vorbelastete Personen können durch einen herzgesunden Lebensstil und eine gute Prävention das Risiko eines Herzinfarkts oder weiterer Herzinfarkte stark senken. Dies erfuhr auch Nicole Ducommun. Nach der Behandlung im Inselspital machte sie eine Herzrehabilitation in Le Noirmont. Zum neuen Alltag hat sie noch nicht ganz zurückgefunden, vieles ist noch ungewohnt und beängstigend. Früher fühlte sie sich pudelwohl und kerngesund. Sie ging selten zum Arzt oder zur Ärztin. «Heute bin ich auf viele Medikamente angewiesen, die ich täglich schlucken muss», sagt sie.

In dem Moment, wo alles passiert sei, habe sie keine Angst verspürt, erinnert sie sich. Diese sei erst danach gekommen. Man fühle sich plötzlich dem Tod einen Schritt näher, fügt sie hinzu. Die sonst quicklebendige Frau macht nun eine kurze Pause, das überraschende Ereignis ist drei Monate später noch nicht ganz verarbeitet. Wie für viele Herzinfarktpatientinnen und -patienten beginnt für sie nun ein ganz anderes Kapitel in ihrem Leben.

Risikofaktoren früh erkennen
Rund 90 Prozent aller Herzinfarkte werden von mess- und beeinflussbaren Risikofaktoren verursacht. Dazu gehören: Rauchen, Bewegungsmangel, Übergewicht, Stress, hohe Blutdruck-, Blutfett- und Blutzuckerwerte. Wer seine Risikofaktoren kennt, kann frühzeitig etwas dagegen unternehmen. Dies gilt umso mehr für Menschen, die aufgrund der familiären Situation vorbelastet sind. Zur familiären Vorbelastung zählt, wenn ein Vater oder Bruder unter 55, eine Schwester oder Mutter unter 65 Jahren einen Herzinfarkt erlitten hat. Ein herzgesunder Lebensstil hilft Betroffenen gemäss neueren, gross angelegten Studien, das Herzinfarktrisiko um bis zu 50 Prozent zu senken. Wer mehr über das persönliche Herzinfarktrisiko herausfinden möchte, kann dieses in unserem Herz-Kreislauf-Test ermitteln.


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