Newsroom

«In vielen Fällen wirkt unsere Behandlung»

Die Therapie eines akuten Hirnschlags habe grosse Fortschritte erzielt, sagt Prof. Patrik Michel, Chefarzt des Stroke Center am Lausanner Universitätsspital. Im Interview erklärt er, mit welchen Schwierigkeiten er bei einer Behandlung noch immer kämpfen müsse. Und in welchen Momenten er und sein Team an Grenzen stossen.

Jemand hat Hirnschlagsymptome. Was passiert dann bei Ihnen im Hirnschlagzentrum?
Prof. Dr. Patrik Michel: Zuerst muss der oder die Betroffene schnell zu uns ins Spital gelangen. Das heisst, er, sie oder jemand anderer muss den Hirnschlag erkennen und den Notruf 144 alarmieren. Der Rettungsdienst klärt dann vor Ort ab, ob ein Hirnschlag wahrscheinlich ist oder nicht. Entsprechend bringt er den Patienten in ein Stroke Center, eine Stroke Unit oder in ein anderes Spital.

Und wenn der Patient, die Patientin bei Ihnen ankommt?
In der Notfallabteilung findet eine erste Beurteilung statt. Das muss sehr schnell gehen. Innert 10 Minuten wird der Patient oder die Patientin klinisch überprüft und man beurteilt den Zustand. Anschliessend wird gleich ein MRI oder CT erstellt. Damit erhalten wir Bilder vom Hirn, den Hirnarterien und der Durchblutung. Nach den ersten Bildern beginnen wir, falls gegeben, gleich mit einer Thrombolyse, also während der Patient noch im MRI- oder CT-Gerät liegt.

Hirnschlag-Behandlung
«In den ersten drei bis sechs Stunden erzielt man bei fast allen Patienten einen Effekt», sagt Prof. Patrik Michel.

Was ist eine Thrombolyse?
Bei einer Thrombolyse spritzen wir intravenös Medikamente. Diese Medikamente helfen, das Gerinnsel, das eine Arterie verstopft und dadurch einen Teil der Durchblutung des Gehirns stört, aufzulösen. Dies machen wir nach Möglichkeit bei allen behandelbaren Patienten mit Beeinträchtigungen innerhalb viereinhalb Stunden nach den ersten Symptomen.

Reicht dies aus?
Nicht in allen Fällen. Anschliessend entscheiden wir, ob es zusätzlich eine Thrombektomie braucht, das heisst eine mechanische Entfernung des Gerinnsels. Je nach Hirnschlagart und -schwere müssen wir solche Patienten in unser Katheterlabor bringen. Dort entfernen  unsere Neuroradiologen das Gerinnsel mit einem  sogenannten Stent-Retriever oder saugen es ab. Die Thrombektomie ist besonders erfolgreich in den ersten sechs bis acht Stunden nach Beginn des Hirnschlags.

Prof. Patrik Michel
Prof. Patrik Michel

Das scheint alles sehr schnell zu gehen.
Von der Ankunft im Spital bis zur Thrombolyse sollte es nicht länger als 30 Minuten dauern, bis zur Thrombektomie 60 bis 90 Minuten. Jede Minute zählt, die Teams müssen deshalb regelmässig geschult und trainiert werden.

Wie lange dauert der eigentliche Eingriff?
Im besten Fall haben wir das Gerinnsel in 20 bis 30 Minuten entfernt. Manchmal geht es aber auch 60 bis 90 Minuten. Selten, wenn es sehr schwierig ist, dauert es zwei oder drei Stunden.

Bei welchen Patienten wird es schwierig?
Ein kleiner Teil der Patientinnen und Patienten ist  instabil aufgrund von Herz-Kreislauf- oder Lungenproblemen. Solche Patienten müssen wir zuerst stabilisieren, bevor wir mit dem eigentlichen Eingriff beginnen. Während oder danach kann es zu Komplikationen kommen.

Wann wird der Eingriff heikel?
Wenn wir Mühe haben, mit dem Katheter bis in die verstopften Hirngefässe vorzudringen. Das ist dann der Fall, wenn schon die Gefässe vor dem Gehirn verengt sind. Wir müssen diese erst öffnen, damit wir dort durchkommen. Je grösser das Gerinnsel ist, das wir nachher entfernen, desto länger dauert es, bis die Gefässe offen sind.

Worauf müssen Sie bei einer Hirnschlagbehandlung besonders achten?
Der wichtigste Faktor für uns Ärztinnen und Ärzte ist die Zeit. Darauf haben wir einen Einfluss. Mit jeder  Minute, die verstreicht, stirbt ein Teil des Gehirngewebes, der schlecht durchblutet und bedroht ist. Für uns heisst dies: Je rascher wir behandeln, desto mehr von diesen bedrohten Teilen des Gehirns können wir retten.

Entscheidet also die Geschwindigkeit über den  Behandlungserfolg?
Nicht nur. Neben der Zeit sind es das Alter, der all gemeine Gesundheitszustand, bestehende Behinderungen, der Zustand der Blutzirkulation im Gehirn, die  Grösse des Gerinnsels und der Ort, wo es sich befindet.

Gibt es auch Betroffene, die Sie nicht mehr behandeln können?
In den ersten drei bis sechs Stunden kann man fast alle Patienten behandeln und einen gewissen Effekt erzielen. Doch die Grenzen sind von Patient zu Patient unterschiedlich. MRI oder CT zeigen uns auf, ob noch Gewebe zu retten ist oder nicht. Bei manchen Patienten ist eine Therapie noch nach acht, in seltenen Fällen sogar nach 24 Stunden möglich. Es gibt aber auch solche, das ist zum Glück nur ein kleiner Teil, bei denen das Hirngewebe schon nach kurzer Zeit fast völlig abgestorben ist. 

Wir haben bis jetzt von Hirnschlägen gesprochen, die durch ein Gerinnsel verursacht werden.
Richtig. Von einem Hirnschlag spricht man, wenn die Blutzufuhr in einem Teil des Gehirns akut gestört ist. In rund 80 Prozent der Fälle ist die Ursache ein durch ein Gerinnsel verstopftes Gefäss. Dieses Blutgerinnsel kann sich direkt im Hirngefäss bilden. Häufiger jedoch entsteht es an einem anderen Ort, zum Beispiel im Herzen, der Halsschlagader oder der Aorta, und wird dann ins Gehirn geschwemmt.

Und die anderen Hirnschläge?
In den restlichen 20 Prozent der Fälle ist eine Blutung die Ursache. Kleine Hirngefässe können wegen chronisch hohem Blutdruck, aber auch wegen fortgeschrittenem Alter oder blutverdünnenden Medikamenten platzen. Auch die Missbildung eines Hirngefässes kann dazu führen, dass dieses platzt. Leider können wir bei  einer Hirnblutung weniger bewirken.

Weshalb sind hier die Erfolge weniger gross?
Weil diese Blutungen seltener sind, wird auch entsprechend weniger daran geforscht und Forschungsgeld  investiert. Mit mehr Forschungsunterstützung weltweit hätten wir wahrscheinlich grössere Fortschritte  gemacht.

Das Corona-Virus soll Hirnschläge begünstigen. Was weiss man darüber?
Vermutlich erhöht eine COVID-19-Erkrankung das  Risiko eines Hirnschlags oder einer Hirnblutung. Dies geschieht auch bei anderen Infektionen, bei einer  Grippe oder Lungenentzündung zum Beispiel, denn eine Infektion verdickt generell das Blut. Ob nun die  Gefahr eines Hirnschlags bei COVID-19 höher ist als bei anderen  Infektionen, wissen wir noch nicht.

Während der ersten Welle der Corona-Pandemie verzeichneten die meisten Spitäler jedoch weniger Hirnschlagpatienten. Wie erklären Sie sich das?
Ja, das ist tatsächlich widersprüchlich. Dafür gibt es mehrere Hypothesen. Eine ist, dass Patienten bei einem Hirnschlag vermehrt zuhause geblieben sind, statt ins Spital zu gehen. Eine zweite, dass sich tatsächlich weniger Hirnschläge ereigneten, weil Menschen während des Lockdowns ihren Lebensstil änderten. Beispielsweise weniger Stress hatten, besser schliefen, mehr in der Natur spazieren gingen.

Drittens gibt es einen evolutionsbiologischen Erklärungsansatz. Bei einer grossen Bedrohung für die Menschheit, wie durch ein solches, recht gefährliches Virus, können Menschen vielleicht Schutzmechanismen entwickeln, welche die Gesundheit kurzfristig verbessern. Viele Spitäler hatten in dieser Zeit auch weniger Frühgeburten – ein interessantes Phänomen.

Wird jemand, der an COVID-19 erkrankt ist und einen Hirnschlag macht, im Hirnschlagzentrum behandelt?
Im Prinzip ja. Wir behandeln genau gleich. Allerdings ha-ben wir festgestellt, dass die Akutbehandlung dann  etwas länger dauert, weil wir uns zuerst gut schützen müssen. Zweitens müssen solche Patienten oft in der sogenannten Corona-Abteilung des Spitals behandelt werden. Die Hirnschlagspezialisten kommen dann täglich auf diese Abteilung. Wie sich die Corona-Pandemie auf die Therapie  eines akuten Hirnschlags auswirkt, untersuchen wir  momentan übrigens in einer Schweizer Studie, die von der Schweizerischen Herzstiftung finanziert wird.

Was fasziniert Sie an der Behandlung des Hirnschlags?
Am meisten fasziniert mich, dass man beim akuten Hirnschlag mit der Therapie viel bewirken kann. Die Hirnschlagbehandlung hat sich in den letzten 20 Jahren nicht nur revolutioniert, sie ist insgesamt sehr effizient geworden. Heute können wir die Heilungschancen und die Prävention unserer Hirnschlagpatienten stark beeinflussen.

Gibt es Momente, in denen Sie persönlich an Grenzen stossen?
Junge Patientinnen und Patienten mit schweren Hirnschlägen sind für mich und mein Team eine grosse emotionale Belastung. In solchen Momenten fragen wir uns, weshalb ein solcher Mensch ein Leben lang mit einer schweren Behinderung leben muss. Noch schlimmer wird es, wenn die Behandlung nicht sofort stattgefunden hat oder nicht erfolgreich verläuft.

Wie gehen Sie damit um?
Wir besprechen dies im Team, manchmal unterstützen uns Psychiater des Spitals. Auch in einer schlimmen Lage versuchen wir, das Positive und die kleinen Erfolge zu sehen. Oft erleben wir im vertieften Gespräch mit  Patientinnen und Patienten oder ihren Angehörigen eine grosse Anerkennung, nicht nur dann, wenn alles gut verläuft. Das Teilen des Leids spendet allen Trost. Aber es gibt einfach auch Momente, wo mir die Tränen kommen und ich mal weinen muss.


Mehr erfahren

  • Sehen Sie sich zu diesem Thema auch das Video an.
  • Mehr zum Hirnschlag, zu den Warnzeichen und der richtigen Reaktion finden Sie auf unserer Seite www.hirnschlag.ch 

Webseite teilen