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«Ich schaffte es nicht mehr die Treppe hoch»

Bei Bernard Savarys Hirnschlag hätte alles schneller gehen können. Dennoch hat er grosses Glück: Dank der erfolgreichen Behandlung kann der begeisterte Bergwanderer heute wieder das tun, was genau zehn Jahre zuvor zu einem anderen tragischen Unglück führte.

Der Hirnschlag hat sich vor sieben Jahren ereignet, ein Jahr nach der Pensionierung. «Wir wussten damals noch nicht viel darüber», sagt die Ehefrau Jeanine, als sie beginnt, von ihren gemeinsamen Erlebnissen zu erzählen. Ein wenig tönt es, wie wenn sie heute noch nach Erklärungen dafür sucht, was geschehen ist. Weil man nicht damit rechnet, nicht daran denkt, wenn man sich gesund fühlt und sportlich ist. Und vielleicht auch deshalb, weil nicht alles so gelaufen ist, wie es hätte laufen sollen.

Bernard et Jeanine Savary

Das Ehepaar Savary wohnt im Gros de Vaud, also in dem Teil des Waadtlands, wo die Felder riesig und die Dörfer überschaubar sind. Am 4. Juli 2013, an einem schönen Nachmittag im Sommer, geht Bernard Savary in seinen Keller, um Farbe zu holen. Er will am Haus etwas streichen. Doch dann bringt er es nicht mehr fertig, die Treppe hochzusteigen. Sein rechtes Bein macht plötzlich nicht mehr mit. Er ruft nach seiner Frau. Sein rechter Arm ist ebenfalls kraftlos. Er kann ihn nicht mehr bewegen.

Warten im Regionalspital
Jeanine Savary hört seine Stimme. Zum Glück. Zwei Wochen vor dem Ereignis war Bernard Savary noch auf einer längeren Bergtour. «Wäre es dort passiert oder wäre meine Frau nicht zuhause gewesen, würde ich heute vielleicht nicht mehr leben», fügt er hinzu. Im Nachhinein macht man sich solche Gedanken. Seine Frau eilt ihm zur Hilfe, er wirkt wie gelähmt und spricht unverständlich.

Dann beginnt eine Geschichte, die sich so nicht hätte ereignen dürfen. Jeanine Savary telefoniert zuerst mit dem Hausarzt. Dieser rät ihr, den Notruf 144 zu alarmieren. Doch dann sagt Bernard Savary, dass es ihm wieder besser gehe. Alles sei wieder in Ordnung, alles vorbei. Seine Ehefrau bleibt kritisch. «Ich bring dich trotzdem ins Spital, die sollen dich untersuchen», entgegnet sie ihm. Statt die Ambulanz zu rufen, fahren sie ins nahegelegene Regionalspital. «Das war ein Fehler und ärgert uns noch heute», sagt Bernard Savary.

Dort nämlich müssen sie zuerst einmal Formulare ausfüllen und sich in den Warteraum setzen. Die Zeit verstreicht. Erst als er das Bewusstsein verliert, passiert etwas und die Ambulanz wird gerufen. Bernard Savary kommt ins Lausanner Universitätsspital CHUV. «Ja, da haben wir zu viel Zeit verloren», meint er rückblickend. Heute würden sie sicher anders reagieren.

Im Notfall ins Hirnschlagzentrum
«Je schneller wir einen Hirnschlag behandeln, desto grösser ist die Chance, dass wir bedrohte Teile des Gehirns retten», sagt Prof. Patrik Michel, Chefarzt des Stroke Center am CHUV in Lausanne. In den ersten drei bis sechs Stunden könne man bei fast allen Patientinnen und Patienten einen positiven Effekt erzielen, fügt er hinzu. Die meisten Hirnschläge sind Folge eines Blutgerinnsels, das die Blutzufuhr zum Gehirn blockiert. Die Hirnzellen sterben rasch ab. Deshalb muss das Gerinnsel möglichst schnell entfernt werden.

Eine Thrombolyse löst dieses auf, in gewissen Fällen wird es zusätzlich mechanisch entfernt. Dabei stösst man, ähnlich wie bei einem Herzinfarkt, mit einem Katheter an die Stelle im Hirngefäss vor, wo sich die Verstopfung befindet. Mit einem Stent-Retriever, einer Art Gitternetz, zieht man das Gerinnsel heraus. Solche Eingriffe können viele kleinere Spitäler nicht durchführen. Deshalb sei es bei einem Hirnschlag wichtig, direkt in ein Stroke Center oder eine Stroke Unit, also ein spezialisiertes Hirnschlagzentrum, zu kommen, sagt Patrik Michel.

Der verflixte 4. Juli
Bernard Savary erinnert sich vom Zeitpunkt an, als er sich in der Ambulanz befindet, an nichts mehr. Im CHUV entfernt man mit einem Stent-Retriever das Gerinnsel. Weil seine Halsschlagader, also dort wo der Katheter durchmuss, verengt war, dauert der Eingriff etwas länger. Trotz allem, er hat viel Glück. Folgeschäden hat er keine, sehr schnell geht er wieder in den Bergen wandern, auch wenn er anfänglich etwas Angst hat, allein unterwegs zu sein.

Der 4. Juli hat für die Savarys eine besondere Bedeutung. Denn genau zehn Jahre vor dem Hirnschlag stürzte Bernard Savarys Freund Paul bei einer Bergwanderung in den Tod. Vor seinen Augen. Dies war ein riesiger Schock für ihn. Er brauchte Jahre, um dies zu verarbeiten. Deshalb sitzen beide an diesem Tag jeweils wie auf Nadeln.

Für Jeanine Savary ist es kein Zufall, dass ihr Ehemann gerade dann seinen Hirnschlag erlitt. «Ich weiss nicht», Bernard Savary wiegelt ab. Jeder habe im Leben sein Kreuz zu tragen, sagt er. Vielleicht war er besonders gestresst. Vielleicht war es aber auch einfach der hohe Blutdruck und das Cholesterin.


Erfahren Sie mehr

Mehr zum Hirnschlag, zu den Warnzeichen und der richtigen Reaktion finden Sie auf unserer Seite www.hirnschlag.ch

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