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Das dritte Leben anpacken

Wie verkraftet man zwei Herzinfarkte und einen Hirnschlag? Urs Flückiger hat zusammen mit seiner Partnerin Dora Bont schwierige Momente durchgemacht. Doch ihm steht ein Schutzengel bei. Ein aussergewöhnliches Erlebnis lässt ihn fest daran glauben.

Wir treffen Urs Flückiger erstmals nach dem Ende des Corona-Lockdowns zuhause in  Basel. «Ich habe übrigens keine Angst», sagt er, nachdem er die Türe öffnet und wir uns zögerlich  begrüssen. Das erstaunt, denn eigentlich gehört er zur Hochrisikogruppe. Wir gehen mit Abstand in die  Wohnung, er spricht bedacht. Ansonsten wirkt er fit, wie ein gesunder, 63-jähriger Mann.

Urs Flückiger

Niemand käme auf die Idee, dass Urs Flückiger schon zweimal dem Tod nahe war, nachdem sein Herz für ein paar Minuten stillgestanden hatte. Auch er dachte nicht im Traum daran, denn er war immer sehr sportlich, rauchte nie und trank zwischendurch höchstens mal ein Glas Wein. Doch 2013, er ist damals 57 Jahre alt, schlägt das Schicksal zu.

Nach dem Training im Fitnesscenter steigt Flückiger in die dunkle Tiefgarage zu seinem Auto hinunter, als ihn ein Schweissausbruch überkommt. Nullkommaplötzlich ist er patschnass. Fahr sofort raus ins Spital, sagte er sich. Kurz darauf macht er einen Notstopp bei einer Autogarage. Als er aussteigen will, bricht er zusammen. Vor Schmerz konnte er nicht mehr atmen. Ein junger Angestellter alarmiert sofort den Notruf 144. Im Universitätsspital Basel wird er  wiederbelebt und erhält zwei Stents.

Währenddessen hat Urs Flückiger ein Nahtoderlebnis. Wenn er davon erzählt, bekommt er noch heute Gänsehaut. «Vor mir leuchten drei Halbkreise, gelb, orange und rot», erzählt er, «und ich erlebe ein wunderschönes Gefühl, eine Ruhe und Geborgenheit, wie ich sie noch nie hatte.» Er ist sogar enttäuscht, als der Arzt ihn zurückholt. Seit diesem Erlebnis fühlt er sich aufgehoben. Wenn der Tod so ist, sagt er sich, dann muss ich keine Angst mehr haben.

Urs Flückiger und Dora Bont
Urs Flückigers erster Herzinfarkt kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Auch nicht bei seinem nächsten Herzinfarkt. Während Urs Flückiger davon berichtet, bringt Dora Bont, seine heutige Partnerin, Kaffee und Basler Läckerli. Sie setzt sich zu uns und erzählt, wie bei ihm das Herz ein zweites Mal aufgehört hat zu pumpen. Vor drei Jahren kommt Urs Flückiger vom Rennkartfahren in Roggwil spät am Abend zu ihr nach Hause. Ihm ist unwohl und wieder sagt ihm sein Bauchgefühl, er müsse jetzt ins Spital.

Dora Bont fährt ihn in den Notfall. Die Schmerzen werden höllisch, wie wenn ein Elefant auf ihm steht und ihn erdrücken will. Im Spital setzen sich die Ärztinnen und Ärzte sechs Minuten lang für sein Leben ein, versuchen, sein Herz wieder zum Schlagen zu bringen. «Ich habe ihn bereits tot gesehen und nur noch gebetet», erinnert sich Dora Bont. Deshalb kann sie es kaum glauben, als der Arzt ihr sagt, Urs Flückiger sei über dem Berg. Mit der Freude kommen aber auch die Fragen: Was kommt nun auf ihn zu? Wie wird er dies verkraften, nachdem ihm schon der erste Herzinfarkt zugesetzt hat? Sein Herz pumpt jetzt noch mit 30 Prozent Auswurffraktion. Später erhält er einen Herzschrittmacher mit einem ICD. Das Gerät unterstützt sein Herz bei der Pumparbeit und gibt im Notfall, wenn der Rhythmus ganz ausser Kontrolle gerät, einen Stromschlag ab.

Urs Flückiger erholt sich auch vom zweiten Herzinfarkt erstaunlich gut. Seiner Arbeit bei der Kantonspolizei Basel Stadt kann er nicht mehr nachgehen. Doch sein Leben geht weiter. Damit aber nicht genug. Wie die guten Dinge drei sind, sind es vielleicht auch die schlechten: Im vergangenen November ereilt ihn ein Hirnschlag. Beide gingen kurz vor Mitternacht schlafen. Um zwei Uhr morgens erwacht Dora Bont und hört ein Hüsteln. «Geht es dir nicht gut?», fragt sie ihn, aber erhält keine klare Antwort.

Sie geht in die Küche und holt ein Glas Wasser. Er bedankt sich, macht aber keinen Wank. Sie muss ihn aufsetzen. Er versucht zu trinken, doch ein Mundwinkel hängt schief. «Bewege deine linke Hand», fordert sie ihn auf. Er kann sie nicht bewegen, auch nicht sein linkes Bein und seinen linken Fuss. Jetzt aber sofort den Notruf 144 alarmieren, sagt sie sich, wahrscheinlich ein Hirnschlag. Unterdessen zieht sie sich an und macht sich zurecht. Eine Viertelstunde später trifft die Ambulanz ein. Urs Flückiger beteuert, dass ihm nichts fehle. «Ihnen geht es gar nicht gut», erwidert eine der beiden Rettungssanitäterinnen und sie fahren ihn unverzüglich ins Universitätsspital Basel.

Dora Bont reagiert deshalb so rasch, weil sie die Symptome erkannt hat. Ein paar Wochen zuvor besuchten die beiden in Basel eine Veranstaltung der Schweizerischen Herzstiftung, die auch über den Hirnschlag informierte. Das ist ihr geblieben, sie weiss, dass sie im Notfall rasch reagieren muss, damit die Heilungschancen intakt bleiben. Nach einer Stunde ruft Dora Bont ins Spital an und erhält die erlösende Nachricht. Wieder haben die beiden grosses Glück gehabt. Sofort ist ihm im Stroke Center des Universitätsspitals Basel das Gerinnsel mit einem Katheter aus der Hirnarterie entfernt worden. Das Blut kann nun wieder ungehemmt fliessen.

Vor der Katheterbehandlung im Stroke Center überlegte sich Urs Flückiger kurz, ob er alles noch einmal durchmachen will. Was passiert, wenn es schiefgeht? Soll er wiederbelebt werden? Jeder Eingriff hat Risiken. Doch dann dachte er an seine Partnerin Dora, an seine beiden erwachsenen Söhne Marcel und Alain und ihm war klar, dass er weiterleben will. Zwar beginnt sein drittes Leben mit einem zusätzlichen Handicap. Ab und zu, wenn er müde wird, findet er das richtige Wort nicht auf Anhieb.

Ansonsten jedoch sind alle Körperfunktionen tadellos. Urs Flückiger ist überzeugt, dass ihm seine hilfsbereite, positive Lebenseinstellung und sein gesunder Lebensstil weitergeholfen haben. «Ich bekomme jetzt etwas zurück», sagt er. Andere nennen dies ein gutes Karma oder einen Schutzengel. Auch Dora Bont kann sich wieder freuen. Sie hat sich ein Jahr früher pensionieren lassen, damit sie die gemeinsame Zeit mit ihrem Partner noch besser geniessen kann. 


Informieren Sie sich

Hirnschlag erkennen. Leben retten.
Schnelles Handeln rettet Leben. Denn im Ernstfall zählt jede Minute. Tritt eines der Symptome auf, alarmieren Sie sofort den Notruf 144: 

  •  Lähmungen: Plötzliche Lähmung, Gefühlsstörung oder Schwäche, meist nur auf einer Körperseite (Gesicht, Arm oder Bein)
  •  Sprachstörungen oder Schwierigkeiten, Gesprochenes zu verstehen
  •  Sehstörungen: Plötzliche Blindheit (oft nur auf einem Auge) oder Doppelbilder
  •  Schwindel: Starker Schwindel mit Gehunfähigkeit
  •  Kopfschmerzen: Plötzlicher, ungewöhnlicher, heftiger Kopfschmerz

Mehr zum Hirnschlag, zu den Warnzeichen und der richtigen Reaktion finden Sie auf unserer Seite www.hirnschlag.ch

 

 

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