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«Bis auf zweimal sind wir immer zuhause geblieben»

Fritz Sager lebt seit über vier Jahren mit einem fremden Herzen. Das Coronavirus ist für ihn deshalb besonders gefährlich. Wie er und seine Ehefrau Sonja die aussergewöhnliche Zeit erleben, erzählen sie im Interview.

Fritz Sager hat stürmische Zeiten erlebt. Vor sieben Jahren arbeitete sein Herz plötzlich nur noch ganz schwach. Den Herzmuskel hatte eine Infektion stark geschädigt. Bald stellte sich heraus, dass es sich nie mehr erholen würde. Er erhielt zwei Herzpumpen und wurde auf die Liste für eine Herztransplantation gesetzt.

Wir trafen ihn im Herbst 2018, fast drei Jahre nachdem ihm das fremde Herz implantiert worden war. Zusammen mit seiner Ehefrau Sonja erzählte er dem Magazin «Herz und Hirnschlag» die bewegende Geschichte, wie sie beide auf den Anruf für die Herzoperation warteten und wie bis zum Moment des Eingriffs alles auf Messers Schneide stand.

Sonja und Fritz Sager
In den ersten Wochen der Corona-Pandemie erlebten Fritz und Sonja Sager auch bewegende Momente.

Fritz Sager ist heute 69 Jahre alt. Seit über vier Jahren lebt er nun mit dem neuen Herzen. Damit es sein Körper nicht abstösst, muss er täglich Medikamente zu sich nehmen, die sein Immunsystem unterdrücken. Das bedeutet aber auch, dass er schlecht gewappnet ist gegen fremde Eindringlinge wie Bakterien und Viren. Das neue Coronavirus ist daher eine Bedrohung für ihn.

Wie gehen er und Sonja damit um? Treffen konnten wir sie diesmal nicht. Deshalb haben wir das Gespräch mit WhatsApp geführt. Schon im ersten Augenblick, als die beiden auf dem Handy auftauchten, war klar: Sie haben sich kaum verändert, sie scheinen auch in Corona-Zeiten ihren Weg zu finden.

Wie geht es Ihnen seit unserem Treffen 2018?
Fritz Sager: Meine bisherigen vier Jahreskontrollen sind in Ordnung gewesen, ich bin zufrieden, das Inselspital ist zufrieden, uns geht es so weit sehr gut.
Sonja Sager: Seine Medikamente sind gut eingestellt. Es ist schön zu sehen, wie es ihm immer besser geht. Wir haben ein gemeinsames Leben geschenkt bekommen.  

In diesem Januar sind die ersten Berichte über das neue Coronavirus aufgetaucht. Wie haben Sie das mitbekommen?
Fritz Sager: Angefangen hat es in China, schön weit weg. Damals machte ich mir noch keine Sorgen. Aber eben, dass es schlimmer werden könnte, damit musste man schon rechnen.  

Nun ist das Virus tatsächlich nähergekommen. Was ging Ihnen durch den Kopf, als es zum ersten Mal in der Schweiz auftauchte?
Fritz Sager: Als die Epidemie in Italien so richtig ausbrach, da wusste ich, jetzt wird es ernst. Wir wollten im Centovalli Ferien machen, das sagten wir dann ab.  

Haben Sie sich überlegt, was es für Sie als Herzpatient bedeuten könnte?
Fritz Sager: Wir sind generell auf der vorsichtigen Seite. Jeden Winter machen wir die Grippeimpfung, ich muss mich vor Infektionen schützen. Dass es mit dem Coronavirus kritisch für mich wird, war mir schnell klar.

Und Angst hatten Sie nicht?
Fritz Sager: Ich machte mir Gedanken und auch Sorgen, aber wirklich Angst hatte ich nicht. Sonja hat da anders reagiert.
Sonja Sager: Ja, ich habe mich ernsthaft gefragt, was da auf uns zukommt. Wie müssen wir uns einschränken? Wie können wir uns noch bewegen? Wie können wir uns schützen? Zwischendurch habe ich mich auch wieder beruhigen können. Wir sind ja sonst gesund und Fritz hat ein gutes Herz bekommen.
Fritz Sager: Da zeigen sich zwei unterschiedliche Wesensarten. Sonja sorgt sich mehr, ich bin eher sachlich unterwegs und versuche es so anzupacken.

Informieren Sie sich besonders ausführlich oder sind Sie eher zurückhaltend?
Fritz Sager: In den paar Tagen nach der ersten Pressekonferenz des Bundesrats beschäftigten wir uns intensiv mit Corona. Doch nach der Fragerunde in der dritten Pressekonferenz sagten wir uns, das tun wir uns nicht mehr an. Es gab meist keine grundsätzlich neuen Fakten mehr.
Sonja Sager: Die Berichterstattung beunruhigte mich immer stärker, ich konnte nicht gut schlafen. Nachts ging mir alles durch den Kopf, noch schlimmer als am Tag. Ich begann mich abzulenken und las und hörte nicht mehr viel zum Thema. Einmal pro Tag aus guter Quelle informiert zu werden, reichte mir.

Wie informieren Sie sich heute zum Thema Corona?
Fritz Sager: Die Informationen der Schweizerischen Herzstiftung, den E-Newsletter und die Posts auf Facebook schaue ich regelmässig an, auch diejenigen des BAG. Ich arbeitete 23 Jahre im gleichen Amt wie Daniel Koch und erlebte ihn immer als sehr seriös. Deshalb habe ich volles Vertrauen in seine Arbeit.

Wie hat sich der Alltag für Sie verändert?
Fritz Sager: Nicht mehr selbst einkaufen, auf Distanz gehen mit den Nachbarn, mit unseren Kindern nur noch telefonieren. Wir sind wirklich zu Hause geblieben.

Ganz ohne Ausnahme?
Fritz Sager: Zweimal machten wir eine Ausnahme. Einmal ging ich in die Apotheke. Die Medikamente bekomme ich nun geliefert.
Sonja Sager: Und ich ging in eine Gärtnerei. Ich trug eine Gesichtsmaske und desinfizierte anschliessend die Hände.

Fiel Ihnen die Umstellung schwer?
Fritz Sager: Erstaunlicherweise nicht. Wir haben seitdem immer etwas zu tun, ich habe zwei Messer fertiggemacht und bereite mich jetzt aufs Schmieden vor. Zwischendurch räume ich den Estrich.
Sonja Sager: Ich sehne mich jetzt langsam ein wenig nach dem Weggehen, dem Zugfahren, dem Reisen. Die Treffen mit Freunden und Bekannten fehlen mir. Aber das ist nicht das Ende der Welt.

Als Ehefrau einer besonders gefährdeten Person trägt man Mitverantwortung. Wie ist das für Sie? 
Sonja Sager: Das ist für mich selbstverständlich. Deshalb habe ich auch nicht das Gefühl, dass mir wirklich etwas fehlt. Ich mache das Beste aus jedem Tag, geniesse, was wir tun können, und manchmal entdeckt man wieder Dinge, die man vergessen hat. 
Fritz Sager: Der alte CD-Player zum Beispiel kommt wieder zum Einsatz. (lacht)

Hat das Corona-Virus also auch etwas Positives gebracht?
Fritz Sager: Da sind wir unterschiedlicher Meinung. Ich sage klar nein. Vieles, was ich jetzt erlebe, hätte ich auch ohne Corona erleben können.
Sonja Sager: Es gab schon spezielle Momente, zum Beispiel hatten wir eines Morgens Gipfeli im Milchkasten. Das fand ich ganz schön, so kleine Gesten halt. Oder man hat Gespräche über den Gartenzaun mit Menschen, mit denen man früher nicht so viel sprach.
Fritz Sager: Gut, die Reaktionen des Umfelds, die Solidarität, die wir erleben, werte ich schon positiv. Wir haben jetzt auch öfter Kontakt mit den Jungen.

Wenn man Ihnen heute einen grossen Wunsch erfüllen könnte, wie würde der lauten?
Fritz Sager: Dass es morgen einen Impfstoff gibt. Dann wäre für mich und alle anderen das Problem gelöst. Ohne Impfstoff wird es wohl nicht gehen. Bis dahin müssen wir zuversichtlich und geduldig bleiben.

Interview über WhatsApp vom 08.05.2020


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