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«Beim Menuplan fange ich nicht mit dem Fleisch an»

Frieda Dähler verhilft am Inselspital in Bern den Herzpatientinnen und -patienten zu einer gesünderen Ernährung. Was ihr wichtig ist und wie sie dabei vorgeht, erzählt sie im Interview.

Welche Eigenschaften braucht eine Ernährungsberaterin?
Frieda Dähler: Ich glaube, man muss Menschen gernhaben. Und es ist von Vorteil, wenn man selbst gerne isst.

Unter einer Ernährungsberaterin stellt man sich eine strenge Person vor, die einem den Menuplan vorschreibt.
Im Gegenteil. Patientinnen und Patienten erfahren von mir, dass die herzgesunde Ernährung keine Verbote kennt. Ich zeige auf, wie man Abwechslung in den Menüplan bringt. Meine Aufgabe besteht nicht darin zu sagen, was man essen soll und was nicht.

Frieda Dähler, Ernährungsberaterin
Frieda Dähler, Ernährungsberaterin

Was ist Ihre Richtschnur?
Der Genuss beim Essen ist wichtig. Das ist der Weg. Zuoberst stehen natürlich die Empfehlungen für eine gesunde Ernährung. Für mich sind sie jedoch wie die Sterne am Himmel. Man kann sie nicht erreichen, aber sich daran orientieren. Ich gebe Werkzeuge und Ideen mit, damit man dem Ziel einer gesünderen Ernährung näherkommt und sie selbständig zu Hause umsetzen kann.

Übergewicht ist bei Herzpatienten wohl ein grosses Thema.
Diese Annahme stört mich. Denn dass alle Herzpatienten übergewichtig sind, ist ein Vorurteil. Bei uns haben rund ein Drittel der Patientinnen und Patienten zu viel Gewicht, etwa gleich viele wie in der Allgemeinbevölkerung. Eine herzgesunde Ernährung ist nicht primär eine Therapie zur Gewichtsreduktion, sie tut auch Schlanken gut.

Sie sind seit 20 Jahren Ernährungsberaterin. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Das Internet spielt heute eine grosse Rolle. Die Menschen kommen immer besser informiert und kritischer zu mir. Das finde ich aber ganz gut so. So findet eine Diskussion statt und das macht es spannender, als wenn jemand alles abnickt.

Dass bei einer 40-jährigen Person eine Ernährungsberatung etwas bewirken kann, leuchtet ein. Aber bei einer 80-jährigen?
Eine Ernährungsberatung hilft auch im hohen Alter. Aber ich muss Klartext sprechen und fragen, was jemand in seinem Leben noch will. Wenn ein Patient mit 80 Jahren nicht mehr zehn Kilo reduzieren und auf dies und das verzichten möchte, kann ich das gut akzeptieren.

Angenommen jemand will nichts an seiner Ernährung ändern, ist dann die Beratung für Sie abgeschlossen?
Für mich ja. Am Schluss entscheiden wir alle selbst, wo und wie viel wir investieren möchten. Ein junger Mensch sagt sich beispielsweise, ich bewege mich häufig, meditiere und verzichte aufs Rauchen. Dafür ist mir das Essen weniger wichtig. Oder umgekehrt. Daher muss man herausfinden, was jemand möchte. Für Ältere gilt dies genauso. Jeder ist selbst der Kapitän seines Lebens.

Wer bekommt eine Ernährungsberatung?
Meine Aufgabe ist es, mit einer herzgesunden Ernährung dazu beizutragen, dass sich ein Herzinfarkt nicht wiederholt. Wer sich für ein Herz-Rehabilitations-Programm am Inselspital entscheidet, kann zu mir kommen. Dies zunächst in einem Ernährungskurs in der Gruppe. Anschliessend findet ein Einzelgespräch statt. Früher boten wir am Schluss noch einen Kochtag an. Dieser war der Hit, heute zieht der nicht mehr. Wir werden zu Hause wohl mit Kochsendungen und Internet-Rezepten überschwemmt.

Wie starten Sie in eine Beratung?
Wichtig ist, was jemand von diesem Einzelgespräch erwartet. Die Anliegen sind ganz unterschiedlich. Es gibt solche, die wissen wollen, was sie dürfen und was nicht. Das ist natürlich zu einfach, eine Ernährungsweise lässt sich nicht strikt in Gut und Schlecht aufteilen. Bei anderen geht es um persönliche Themen wie Gewichtreduktion, Blutzucker oder Gicht.

Und wie finden Sie heraus, wie sich jemand ernähren sollte?
Ich frage zunächst, wie sich jemand ernährt. Ein für Herzpatientinnen und -patienten validierter Ernährungsfragebogen hilft mir dabei. Anhand dieses Fragebogens finde ich heraus, wie mediterran jemand isst. Das heisst, wie gross das Risiko ist, dass er oder sie wegen der Ernährungsweise einen Herzinfarkt bekommt. Für mich ist das ganz praktisch, weil ich so rasch ein Bild bekomme. Ich erkläre dann, welche Punkte gut sind und wo noch Verbesserungspotential liegt. Dann können Betroffene selbst wählen, wo sie etwas ändern möchten.

Sie versuchen Menschen also eher die Wege zu einer besseren Ernährung aufzuzeigen?
Das Essen ist etwas sehr Persönliches. Da spielen soziale Faktoren eine Rolle, das Budget, die Vorlieben und Emotionen. Ich kann da nicht einfach dreinreden und muss respektvoll vorgehen.

Herzgesunde Ernährung

Das tönt sehr nachsichtig und tolerant. Gibt es für Sie gar keine No-Gos?
Doch, zum Beispiel Süssgetränke. Wenn jemand den ganzen Tag zuckerhaltige Getränke konsumiert, ist das schlecht fürs Herz. Ein zweites No-Go sind Fertigmahlzeiten. Selbstverständlich kann man Ausnahmen machen. Aber wenn jemand mittags und abends nie selbst kocht und sich ausschliesslich von Döner, Fertigpizzas und so weiter ernährt, dann allerdings wird es für mich schwierig, weil ich diese Person kaum dazu bringen werde, sich zuerst ein Rezept herauszusuchen, entsprechend einzukaufen, zu rüsten, kochen und dann noch alles abzuwaschen. Gesunde Ernährung beschränkt sich nicht auf die Mahlzeit selbst, sondern ist mit Zeitmanagement und einer Lebenseinstellung verbunden.

Gibt es ausser Aufwand und Zeit andere Hürden, die eine gesunde Ernährung erschweren?
Meist sind es die Sprache und das Budget. Wenn jemand keine Landessprache versteht, wird die Information schwierig. Dazu fehlen uns auch fremdsprachige Unterlagen.

Und wo liegt beim Geld das Problem?
Es gibt Working Poors, die sich eine ausgewogene Ernährung kaum leisten können. Ein Beispiel ist eine Familie, beide Eltern arbeiten Vollzeit in einer Wursterei, ihr Kind sehen sie nur am Abend. In der Wursterei können sie sich zum Znüni gratis mit Wurst verpflegen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe auch gerne Wurst. Aber wenn Sie täglich gepökelte Fleischwaren essen, weil es billig ist, dann ist das ungünstig für die Gesundheit.

Das heisst, arme Menschen haben es schwerer, sich gesund zu ernähren?
Ja. Ein Patient hat mir erzählt, er habe fünf Kinder und könne es sich nicht leisten, täglich Früchte und Gemüse zu kaufen. Oft werden in einer finanziell knappen Lage auch zu wenig Proteine und zu viele Kohlenhydrate konsumiert. Eine kohlenhydratlastige Ernährung kann zu einem erhöhten Blutfettspiegel führen.

In welchen Beratungssituation stossen Sie an Grenzen?
Gewisse Patienten glauben, ich habe einen Zauberstab und erledige alles für sie. Dabei kommt mir folgendes Erlebnis in den Sinn: Am Bahnhof standen zwei Herren, der eine klagte dem anderen sein Leid. Die Ärzte hätten sein Knie nicht operieren wollen, sagte er, er müsse zuerst abnehmen. Doch die Ernährungsberaterin habe es einfach nicht geschafft, dass er Gewicht verliere. Als ich das hörte, musste ich schmunzeln. Für eine solche Haltung habe auch ich keine Lösung parat.

Wann sind Sie mit ihrer Arbeit zufrieden?
Wenn ich dem Patienten, der Patientin soweit unter die Arme greifen konnte, dass er oder sie selbständig die Ziele erreicht hat. Also dass das Gewicht runter ist oder sich die Triglyzeride und der Langzeitblutzucker verbessert haben. Und wenn der Patient oder die Patientin dabei auch mit der Ernährung glücklich ist und mir sagt, so kann ich gut leben.

Als Ernährungsberaterin überlegen Sie sich wohl genau, was Sie sich selbst auftischen.
Ich muss zugeben, das mache ich tatsächlich. Allerdings eher unbewusst, indem ich zum Beispiel darauf schaue, dass ein Proteinlieferant auf dem Teller ist. Das ist halt eine déformation professionelle.

Sie haben am Anfang des Gesprächs gesagt, dass Sie gerne essen. Was essen Sie besonders gerne?
Wenn man mich fragt, was es heute Abend gibt, fange ich nicht wie die meisten mit dem Fleisch an, sondern mit dem Gemüse oder Salat. Nicht weil es so furchtbar gesund ist. Ich habe es einfach sehr gern.

Interview zum Artikel aus unserem Magazin HERZ und HIRNSCHLAG, April 2021


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