HELP-Preis 2016

Die Preisträgerin Evelyne Bürgi rettete ihrem Mann Arthur Bürgi das Leben
Die Preisträgerin Evelyne Bürgi rettete ihrem Mann Arthur Bürgi das Leben

Evelyne Bürgi tut, was sie sich nie im Leben hätte vorstellen können: Sie rettet ihren Ehemann vor dem Herztod. Dank ihres eisernen Willens und der Unterstützung des Notrufs 144 gehen sie und ihr Ehemann auch heute noch gemeinsam durchs Leben. 

Der Schock sitzt so tief, dass Evelyne Bürgi nach über einem Jahr noch ins Stocken gerät, wenn sie von ihren Erlebnissen erzählt. Sie deutet auf den braunen Ledersessel im Wohnzimmer. «Dieser Sessel hat für uns beide eine grosse Symbolkraft», fügt sie hinzu. Genau wie heute sass Arthur Bürgi dort auch im Februar 2015, als sich ihm seine Ehefrau Evelyne von hinten aus der Küche näherte. Sein Kopf war rückwärts geneigt, der Mund stand offen. Er reagierte nicht, auch nicht nachdem sie ihm über den Kopf strich. Keine Atmung, nichts. Sie schüttelte ihn. Plötzlich erlebte sie ein Gefühl, das sie bis anhin nicht gekannt hatte: «Mich überwältigte eine beängstigende Einsamkeit.» Sie wusste, dass sie nun sofort handeln muss, riss ihren Ehemann vom Sessel und legte ihn auf den Boden. Dann griff sie zum Telefon und wählte den Notruf 144.

Ob sie die Herzdruckmassage ausführen könne, fragte die Stimme aus dem Lautsprecher des Telefons. Die Reanimationsmassnahmen hatte sie noch vage in Erinnerung. «Ich sagte sofort ja, öffnete sein Hemd und begann zu drücken», erzählt sie. Ob dies gut endet, wusste sie nicht. Doch für Zweifel hatte es in diesem Augenblick keinen Platz. «Ich fühlte mich so alleine, gleichzeitig aber entwickelte ich unglaubliche Kräfte», sagt Evelyne Bürgi. Der Notruf begleitete sie, war ihre einzige Verbindung zur Aussenwelt. Die Stimme am Telefon motivierte sie: Gut machen Sie das, Frau Bürgi, machen Sie weiter so. Dann wiederum beschrieb ihr die Stimme, wo sich die Rettungskräfte befanden: Das Team ist unten beim Bundesverwaltungsgericht und gleich bei Ihnen, Frau Bürgi. Ihr schossen Bilder des Ehemanns, ihrer Töchter, der Familie durch den Kopf und verdichteten sich zu einem einzigen Gedanken: Er muss weiterleben. Diese Bilder bringt sie heute noch nicht aus ihrem Kopf.

Wie lange sie auf seinen Brustkasten drückte und ihn zwischendurch beatmete, weiss sie nicht. Im Protokoll steht, dass Arthur Bürgi 19 Minuten lang keine Herztätigkeit aufwies. Irgendwann klingelte es an der Haustüre, Evelyne Bürgi stand auf, drückte den Türöffner, kehrte zurück und reanimierte sofort weiter. Im Treppenhaus hallten Schritte, ein sechsköpfiges Rettungsteam kam herbeigeeilt. Der Notarzt packte den externen Defibrillator aus und versuchte, das Herz wieder anspringen zu lassen, mehrere Male. «Das waren schmerzhafte Minuten. Ich hoffte, dass sie ihn wieder zum Leben erwecken», sagt Evelyne Bürgi.

Dann die erlösende Mitteilung, der Notarzt atmete auf und sagte, sie hätten wieder Puls. Arthur Bürgi wurde sofort ins Kantonsspital St. Gallen transportiert. Doch noch war er nicht über den Berg. Ob er sterben wird, ob er überlebt, wenn ja mit welchen Beeinträchtigungen, wusste zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Arthur Bürgi kam auf die Intensivstation, wo er zwei Wochen lang im Koma lag. Bis er eines Morgens die Augen aufmachte und mit den Personen an seinem Bett zu sprechen begann. Er erkannte alle. «Das war der schönste Augenblick in meinem Leben, ein echtes Geschenk!» sagt Evelyne Bürgi noch immer tief bewegt. Sie bedankte sich beim Ärzteteam und erhielt als Antwort: Frau Bürgi, den wichtigsten Job haben Sie gemacht! Ohne Ihren Einsatz hätten wir nichts mehr ausrichten können.

Der 75-jährige Arthur Bürgi ist heute wohlauf. Er trägt einen implantierten Cardioverter Defibrillator (ICD), der ihn vor weiteren gefährlichen Situationen bewahrt. Von der ganzen Dramatik um sein stillgestandenes Herz hat er nichts mitbekommen. Auch an die Zeit auf der Intensivstation erinnert er sich nicht, was mit ihm geschehen ist, kann er nur schwer einordnen. Dass ihn seine Frau vor dem Tod bewahrt hat, erfüllt ihn jedoch mit tiefer Dankbarkeit. Evelyne Bürgi erhält den HELP-Lebensrettungspreis 2016 der Schweizerischen Herzstiftung zusammen mit den weiteren Preisträgern: Willy Schlup und Patrick Walter, Margo Schlup, Harry Klinger und Dogukan Durmaz sowie Peter von Känel.

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