HELP-Preis 2015

Die Schülerinnen von Rahel Locher erkannten den Notfall und handelten rasch und richtig
Die Schülerinnen von Rahel Locher erkannten den Notfall und handelten rasch und richtig

Hirnschlag - eine Klasse rettet ihre Lehrerin

Die Nacht vor dem 24. April 2014 war kurz und unruhig. Rahel Locher steckte in den Vorbereitungen zum Lehrlingstag an der BEA, die Zeit drängte und es gab noch einiges zu tun. Viel zu schnell kam der Morgen, er zeigte sich grau und verhangen. Die 30-jährige Berufsschullehrerin hängte sich das schwarze Lederjäckchen um, stieg ins Auto und fuhr etwas unausgeschlafen nach Zollikofen zur Schule Inforama Rütti. Soweit lief alles nach Plan.

Sie erinnert sich noch haargenau an diesen Morgen. Wie sie vor der Klasse stand. Wie sie den angehenden Pferdefachfrauen ein Beispiel für ein gelungenes Bewerbungsschreiben präsentierte. Wie die Pause langsam näher rückte und sie dringend auf die Toilette musste. Dann begann es vor ihren Augen zu flimmern. Ihre Stimme überschlug sich und sie setzte sich hin – ein Migräneanfall, dachte sie.

Sie wollte trinken und griff zur Wasserflasche. Zwei Schülerinnen kamen ihr zur Hilfe, doch die Lehrerin winkte ab. Nur ein Migräneanfall, sagte sie, das geht schon wieder vorüber. Doch es wurde schlimmer, die Flasche blieb nicht in ihrer Hand, den Deckel konnte sie nicht aufdrehen. Als die Schülerinnen die Flasche für sie geöffnet hatten und sie zu einem Schluck ansetzte, rann das Wasser aus dem linken Mundwinkel auf ihre Kleider. Es musste für die Klasse wohl sehr seltsam ausgesehen haben, wie die linke Backe herunterhing und das Wasser einfach lief, sagt sich Rahel Locher im Nachhinein. Aber damals war es für sie noch immer eine gewöhnliche Migräne. Sie wollte sich kurz hinlegen.

Die Klasse merkte, dass mit ihrer Lehrerin etwas nicht stimmte. Sie lallte und dies nicht zum Scherz, wie sie anfänglich dachten. Es war gegen 9.20 Uhr. Die Schülerinnen waren aufgebracht, eine holte Hilfe im Zimmer nebenan, eine andere merkte, dass es sich um einen Hirnschlag handelte, sie wählte mit ihrem Handy sofort die Nummer 144. Rahel Locher hingegen war zu keinem Zeitpunkt bewusst, in welcher Gefahr sie schwebte, und glaubte, alles im Griff zu haben. Heute weiss sie, dass eine fehlende Krankheitseinsicht bei Hirnschlägen der rechten Hirnhälfte auftreten kann und ist froh, dass ihre Schülerinnen für einmal nicht auf ihre Lehrerin hörten.

Die Rettungssanitäter trafen rasch ein und legten sie auf eine Bahre. Die Lehrerin war noch immer bei vollem Bewusstsein und die häufigen Fragen der Sanitäter wurden ihr bald einmal lästig. Um 9.50 Uhr traf die Ambulanz im Berner Inselspital ein. Als der Neurologe sie aufforderte, das linke Bein zu heben, dachte sie nur: der soll doch bitte etwas anderes von mir verlangen, mein Bein will momentan nicht recht. Dann erst brechen ihre Erinnerungen ab. Die Fahrt ins MRI erlebte sie nicht mehr bei Bewusstsein.

Als sie wieder zu sich kam, war sie umhüllt von einem mintgrünen Vorhang in der Notfallstation. Sie wusste nicht, was ihr geschehen ist, überall waren Schläuche. Schon wollte sie wieder aufstehen, da hielt sie ein Arzt zurück und erklärte ihr, was geschehen war. In einer ihrer Hirnarterien befand sich ein grosses Gerinnsel, das die Blutzufuhr in Teile des Gehirns abklemmte. Sie erlitt einen Hirnschlag. Eine Lyse und die anschliessende Entfernung des Blutpfropfens legte die Arterie wieder frei. Das Gehirn erlitt keine Verletzungen, Folgeschäden hat sie keine. Dass sie nach einer Woche gesund nach Hause ging, verdankt sie der Tatsache, dass sie so rasch in ein Stroke-Center, ein auf Hirnschläge spezialisiertes Spital, kam. Rahel Locher hatte Riesenglück im Unglück. Heute nach einem Jahr hat sie sich auch psychisch vollständig vom Notfall und den Eingriffen erholt, die Lebenslust und Energie sind wieder zurückgekehrt.

Glück hatte Rahel Locher vor allem auch, weil die Klasse so vorbildlich handelte. Ein paar Wochen vor dem Vorfall hielt eine Schülerin einen Vortrag zum Thema Hirnschlag im Rahmen der Abschlussarbeit. Die Klasse wusste folglich, welche Symptome bei einem Hirnschlag auftreten, dass bei einem Hirnschlag jede Minute zählt und sofort die Ambulanz über die Nummer 144 alarmiert werden muss. Auch die damalige Schülerin Edith Aellen erinnert sich noch an den Vorfall an diesem Morgen. Sie erstaunt es noch immer, dass ihre Lehrerin selbst die Gefahr nicht wahrgenommen hatte. Im Nachhinein ist sie froh, dass alles an der Schule und nicht eine Stunde zuvor im Auto oder sonst wo passiert ist. Hätte man nicht rechtzeitig reagiert, wäre Rahel Locher womöglich nicht mehr am Leben oder ein Leben lang schwer behindert.

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